Rückblicke | Page 7

Walter Grünfeld
wenn ihre rein deutschsprachig aufwachsenden Kinder etwas nicht verstehen sollten. Das Dorf Kattowitz war in der 1.H?lfte des 19. Jahrhunderts erstaunlich gewachsen (22). 1846 wurde es eine wichtige Station der neuen Eisenbahn Breslau-Myslowitz als ein Umschlagplatz f��r Zweigverbindungen zu einem gro?en Umkreis von vielen Gruben und Werken mit ihren zugeh?rigen Ortschaften. Schlie?lich war Kattowitz so gewachsen, da? es 1865 zu einer Stadt gemacht wurde. Dies geschah aber erst nach scharfen Auseinandersetzungen zwischen den alteingesessenen Dorfbewohnern und den Neuank?mmlingen. Unter der Dorfverfassung herrschte die "Gromada", die Versammlung der Grundbesitzer, also der alteingesessenen Bauern, d.h. G?rtnerstellenbesitzer und denjenigen unter den Neuzugezogenen, die unterdessen Hausbesitz hatten erwerben k?nnen. Urspr��nglich kamen auch alle Gemeindesteuern nur von diesen Einwohnern, aber 1856 ?nderten sich die Steuergesetze, alle Einwohner zahlten Gemeindesteuern, aber die Dorfverfassung wurde nicht ge?ndert, und die immer noch von den polnisch sprechenden Bauern beherrschte Gromada konnte allein ��ber die Verwendung der Einnahmen entscheiden. Unter einer st?dtischen Verfassung w?re das anders gewesen. F��r ein Stadtparlament gab es das allgemeine Wahlrecht nach dem preu?ischen Dreiklassenwahlrecht mit Stimmen zugunsten der h?heren Einkommen gewogen. Der Streit mit der Gromada kam, weil es unter den Neuank?mmlingen viele Anspruchsvollere und Besserverdienende gab mit eigenen Ideen allein schon ��ber Stra?enpflasterung und Beleuchtung etc. F��r die eingesessenen Bauern h?tte es schon eine naheliegende Idee sein k?nnen, da? der Ort mit den Gegebenheiten und Anforderungen der gro?en industriellen Entwicklung zum eigenen Nutzen Schritt halten sollte. War nun b?uerlicher Widerstand dagegen und gegen Erwerb der Stadtrechte eine ganz ��bliche Situation und aus dem Gegensatz der sachbezogenen Interessen beider Seiten gut verst?ndlich, oder war es eine besondere Situation durch die nationalen Gegens?tze in Oberschlesien?
Vom heutigen Blickpunkt des sp?ten 20. Jahrhunderts k?nnte man auch sagen, diese Bauern waren anscheinend ganz fr��he Umweltsch��tzer, die ihre Dorfwelt nicht von der sich breitmachenden Industrie verdr?ngt sehen wollten. Aber wie so oft, die deutschpolnische Spannung wird hier, sowohl von Zeitgenossen, wie in sp?teren R��ckblicken, von beiden Seiten als der Hauptgrund angef��hrt. Schon Dr. Holtze berichtet in seiner Stadtgeschichte von 1871, da? die polnischen Bauern alle Forderungen der, wie sie sagten, "Deutschen und Juden" mit einem "nie chca" ablehnten, und der Gymnasialdirektor G.Hoffmann kommentiert in seiner Stadtgeschichte von 1895 dazu: "Es war eben der Widerstand des polnisch-b?uerlichen Elements gegen den von deutscher und j��discher Seite vertretenen Fortschritt" (23).
Heutige polnische Stimmen aus Katowice erinnern an den Widerstand der Bauern gegen die Germanisierungstendenzen der Neuank?mmlinge, denen allein die Verleihung der Stadtrechte dienen sollte, und an den letzten polnischen Dofschulzen Kazimierz Skiba, der bis 1859 20 Jahre im Amt gewesen war, f��r polnische Sprache und Schule gek?mpft und eine gro?e polnische Bibliothek f��r sich gesammelt habe (24). Also wird seiner jetzt als Seele des damaligen nicht nur b?uerlichen, sondern nationalen polnischen Widerstands gegen die Stadtwerdung gedacht. Inzwischen ist das kleine Dorf aber nicht nur zur Hauptstadt Oberschlesiens, sondern auch zu einer der bedeutendsten St?dte des heutigen Polen mit etwa 500.000 Einwohnern angewachsen.
Deutsche und Juden werden dabei zwar separat identifiziert, aber sitzen auf derselben Bank als Gegner der urspr��nglichen Dorfbewohner. Obwohl Juden schon 1702 und 1737 erw?hnt sind, wird als erster j��discher Ansiedler im Dorf Kattowitz Hirschel Fr?hlich erw?hnt (25), der 1825 die Arrende pachtete. Seinen Sohn Heimann Fr?hlich finden wir prominent in den Berichten ��ber den Streit zwischen Bauern und Zuz��glern, der sich von 1859 bis zur Stadtwerdung 1865 hinzog. Als mein Gro?vater 1855 nach Kattowitz zog, lebten dort unterdessen 105 j��dische Personen, 1865 waren es 573 unter 4815 Einwohnern, also 11. 9%, ihr Anteil an den Gemeindesteuern aber betrug 36.7% (26). Durch die Industrialisierung und als Folge der j��dischen Emanzipation zogen die sich st?rker entwickelnden Industriest?dte viele Juden aus kleineren oberschlesischen St?dten und D?rfern an. Kattowitz, die sich so rasch entwickelnde Industriegemeinde, bis dahin ohne gr??eren eingesessenen B��rgerstand bot ihnen besonders guten Raum f��r Tatkraft und Profilierung.
Der Geist der Emanzipation, wie ��berall in Europa, mit der Anziehung an Leben und Kultur der Umwelt aktiv teilzunehmen und sich in sie mehr zu integrieren, f��hrte im damaligen Oberschlesien zu j��discher Hinneigung und zunehmender Identifizierung mit dem deutschen Element. Das war ja vielerorts so im ?stlichen Mitteleuropa; f��r Kattowitz ist mir aufgefallen, da? dieses Zusammenleben damit auch angefangen hatte, da? sie zusammen auf einer Bank gesessen und den Kampf um die Stadtwerdung gef��hrt hatten.
Ein Argument f��r das preu?ische Dreiklassenwahlrecht f��r Stadtparlamente war, da? die beruflich und wirtschaftlich Erfolgreichsten auch zur Leitung der Geschicke einer Stadt beigezogen werden sollten. In vielen Teilen Preu?ens f��hrte dies zu einem verh?ltnism??ig hohen Anteil von Juden in Stadtparlamenten. Sie m��ssen sich auch unter ihren Kollegen recht oft ausgezeichnet haben, denn oft wurde ein Jude zum Stadtverordnetenvorsteher gew?hlt. Das war nicht nur so in Oberschlesien, wir finden es auch in Breslau und Berlin. Im jungen Kattowitz war ihr Anteil in der Bev?lkerung und in st?dtischen Organen noch h?her als in anderen oberschlesischen St?dten und wuchs noch nach der ersten Wahl von 1866
Continue reading on your phone by scaning this QR Code

 / 119
Tip: The current page has been bookmarked automatically. If you wish to continue reading later, just open the Dertz Homepage, and click on the 'continue reading' link at the bottom of the page.