Rückblicke | Page 6

Walter Grünfeld
aus England kommende sensationelle erste Dampfmaschine (sogar Goethe kam, sie zu besichtigen) auf einer Grube bei Tarnowitz 1788 und der erste Kokshochofen in Preu?en 1792/96 errichtet worden waren, kamen diese Entwicklungen noch n?her an Kattowitz durch den Bau der gleichfalls staatlichen K?nigsh��tte (1798/1802), deren Direktor (bis 1818) H��tteninspektor Wedding es unternahm, den Bogutzker Hammer durch Bau eines Hochofens zu modernisieren. Die Herrschaft erwarb 1839 Franz Winkler, Absolvent der Tarnowitzer Bergschule, nach einer schon erfolgreichen Karriere reich verheiratet. Er entwickelte entscheidende Initiative f��r den wirtschaftlichen Fortschritt von Kattowitz und wurde 1840 geadelt. F��r die Kontinuit?t der Verwaltung und des Beitrags zur Entwicklung von Kattowitz sorgte Winklers Studienfreund und Mitarbeiter Friedrich Wilhelm Grundmann, der sp?ter zusammen mit seinem in Kattowitz als Arzt niedergelassenen Schwiegersohn Dr. Holtze als Gr��nder der Stadt Kattowitz, das hei?t, die Vork?mpfer f��r die Stadtwerdung des Dorfes 1865 angesehen werden.
Mein Gro?vater war also seit 1855 dort ans?ssig, und heiratete die 1837 im benachbarten Dorf Zalenze geborene Johanna Sachs, Tochter des Arendators der Gutsherrschaft Zalenze, Peretz Sachs (14). Die industrielle Entwicklung hatte sich durchaus nicht auf den Gutsbezirk Bogutzker Hammer mit Dorf Kattowitz beschr?nkt. Nach der K?nigsh��tte war in Welnowiec 1809 die Hohenloheh��tte mit Kokshochofen, dann an der Grenze zwischen Kattowitz, Zalenze und Domb 1828 die von dem Engl?nder John Baildon (15) erbaute Baildonh��tte f��r Stahlerzeugung in Betrieb gekommen und in Zalenze auch 1840 die Kohlengrube Kleofas von Giesche. Das Restaurant, das zur Arende meines Urgro?vaters Peretz Sachs geh?rte, konnte sich also auf ein wachsendes Publikum st��tzen. Jakob Gr��nfeld aus Sohrau, der j��ngere Bruder meines Gro?vaters, heiratete eine andere Tochter, Maria, des Peretz Sachs, und ��bernahm sp?ter das Restaurant. Es wurde als "Gr��nfeld's Garten" f��r viele Jahrzehnte sehr bekannt.
Die Gro?mutter ging in den 1840er Jahren in Zalenze in die katholische Dorfschule. Ich habe versucht, mir im Zusammenhang mit dieser Familien��berlieferung ein Bild von damaligen Schulverh?ltnissen zu machen. Dabei st??t man gleich auf die Sprachenfrage zwischen preu?ischer Verwaltung und stark polnisch sprechender Bev?lkerung. Ich habe keine Daten f��r Zalenze gefunden, aber im benachbarten Dorf Kattowitz war 1827 eine zun?chst einklassige Schule er?ffnet worden, und zwar zweisprachig (16). Die Kinder von Kattowitz gingen vorher zur Schule in Bogutsch��tz, die schon f��r 1804 erw?hnt wird (17).
Die preu?ische Politik gegen��ber der gro?en polnischen Bev?lkerung, in den durch die Teilungen Polens zugefallenen Gebieten unterlag im 19. Jahrhundert mehrfachen Stimmungs- und Zielwechseln. Unter dem Einflu? der Stein-Hardenberg'schen Reformideen, besonders verk?rpert durch den Schulminister Altenstein, war die Einstellung konziliant gewesen (18). Er beg��nstigte den Aufbau eines polnischen Schulwesens, vornehmlich in Posen, das ja ein Kernland des K?nigreichs Polen gewesen war. Der polnische Aufstand in Russisch-Polen 1830/31 f��hrte zu einem v?lligen Umschwung gegen��ber den Polen auch in Preu?en, der aber in den 1840er Jahren wieder einer liberaleren Haltung Platz machte. Die polnische Sache war ja zu einem Lieblingsthema der liberalen Freiheitsk?mpfer in Europa geworden, und der neue preu?ische K?nig Friedrich Wilhelm IV. entzog sich diesen Stimmungen nicht (19). Die polnische Bev?lkerung Oberschlesiens wird schon damals in diesen innerpreu?ischen Argumenten erw?hnt (20).
Im M?rz 1848 geh?rte es jedenfalls auch zu den Ideen in der Paulskirche, da? mit der ersehnten deutschen Einigung auch die Teilung Polens r��ckg?ngig gemacht werden sollte, in die sich Preu?en seinerzeit verwickelt hatte. Aber es kam ja 1848 nicht zu dieser deutschen Einigung. In Preu?en verst?rkten sich danach die antiliberalen Tendenzen wieder, und als es 1871 zur deutschen Einigung unter preu?ischer F��hrung kam, gab das neue deutsche Nationalbewu?tsein der preu?ischen antipolnischen Politik sogar eine ganz neue Note. Es war nun nicht mehr nur die Loyalit?t der polnischen Einwohner gegen��ber der preu?ischen Monarchie gefordert, sondern das Ziel mu?te ihre vollkommene Germanisierung sein. So versch?rfte sich zur Zeit Bismarck's die ganze Preu?ische Nationalit?ten- und Schulpolitik so rigoros wie sie dann sp?ter in Erinnerung geblieben ist. Es war ��berdies auch die Zeit des "Kulturkampfes", dem sich die deutsche katholische Zentrumspartei ausgesetzt fand. Aus der offiziellen Politik verschwand der Sinn f��r Berechtigung des Schutzes der gesamtpreu?isch gesehen nationalen und sprachlichen polnischen Minderheit, und aller staatlicher Schutz wurde dem wachsenden deutschen Bev?lkerungsanteil in den fraglichen Provinzen gegeben. Ein interessanter Gedanke von M.Broszat dazu ist (21), da? die Erwartung von Loyalit?t seitens der Minderheit f��r die staatliche Oberhoheit eigentlich strikter Neutralit?t des Staates auch dort bedurft h?tte, wo es um die ?rtlichen Belange der deutschen Bev?lkerung ging. Aber die verblassende Staatsideen von Imperium und Krone waren eben von der Omnipr?senz nationalstaatlichen Denkens verdr?ngt worden, und das schien keinen Raum zu lassen f��r Vorstellungen von pluralistischen Ordnungen auch f��r das Zusammenleben von verschiedenen Nationalit?ten. Die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts scheinen daran wenig ge?ndert zu haben, obwohl die Verwirklichung von Hoffnungen auf eine europ?ische Einigung davon abzuh?ngen scheint.
Auf diesen Gedankenflug sind wir gekommen von der Vermutung, da? die Dorfschule meiner Gro?mutter m?glicherweise damals noch zweisprachig war. Ich wei? auch, da? beide Gro?eltern das oberschlesische Polnisch sprechen konnten; mein Vater erz?hlte, da? sie es benutzten,
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