In St. Jürgen | Page 8

Theodor W. Storm
der er bis jetzt noch arbeitete.
Ich brauchte nicht lange zu warten; als die Uhr sechs geschlagen, sah ich ihn kommen. "Harre, einen Augenblick!" sagte ich und winkte ihm, mit mir in den Garten zu treten.
Er sah mich befremdet an; denn meine b?se Botschaft war wohl auf meinem Gesicht geschrieben; auch stand ich, als ich ihn in eine Ecke des Gartens gezogen hatte, eine ganze Zeit und hatte seine Hand gefa?t, ohne da? ich ein Wort hervorbringen konnte. Endlich aber sagte ich ihm alles, und dann bat ich ihn: "Mein Vater will zu dir gehen; sei nicht zu hart mit ihm."
Er war totenbla? geworden, und in seine Augen trat ein Ausdruck, vielleicht nur der Verzweiflung, der mich erschreckte.
"Harre, Harre, was willst du mit dem alten Mann beginnen?" rief ich.
Er dr��ckte die Hand gegen seine Brust. "Nichts, Agnes", sagte er, indem er mich traurig l?chelnd ansah; "aber ich mu? nun fort von hier."
Ich erschrak.--"Weshalb?" fragte ich stammelnd.
"Ich darf deinen Vater nicht wiedersehen."
"Du wirst ihm ja doch vergeben, Harre!"
"Das wohl, Agnes; ich schulde ihm mehr als das; aber--er soll sein graues Haupt vor mir nicht dem��tigen. Und dann"--das setzte er wie beil?ufig noch hinzu--, "ich glaube auch, es geht jetzt mit dem Meisterwerden nicht."
Ich sagte nichts hierauf; ich sah nur, wie das Gl��ck, nach dem ich gestern schon die Hand gestreckt, in unsichtbare Ferne schwand; aber es war nichts mehr zu ?ndern; es war jetzt am besten so, wie es Harre wollte. Nur das sagte ich noch: "Wann wirst du gehen, Harre?" Ich wu?te selbst kaum, was ich sprach.
"Sorge nur, da? dein Vater mich heute nicht aufsucht", erwiderte er; "bis morgen fr��h bin ich mit allem fertig, was ich noch hier zu tun habe. Kr?nke dich auch nicht um mich, ich finde leicht ein Unterkommen."
Nach diesen Worten trennten wir uns; das Herz war wohl zu voll, als da? wir Weiteres h?tten sprechen k?nnen."--Die Erz?hlerin schwieg eine Weile. Dann sagte sie: "Am andern Morgen sah ich ihn noch einmal, und dann nicht mehr; das ganze lange Leben niemals mehr."
Sie lie? den Kopf auf ihre Brust sinken; die H?nde, die auf ihrem Scho? geruht hatten, wand sie leise umeinander, als m��sse sie damit das Weh beschwichtigen, das, wie einst das Herz des jungen blonden M?dchens, so noch jetzt den gebrechlichen Leib der Greisin zittern machte.
Doch sie blieb nicht lange in dieser gebrochenen Stellung; sich gewaltsam aufraffend, erhob sie sich vom Stuhl und trat ans Fenster. "Was will ich klagen!" sagte sie und zeigte mit dem Finger auf die Scheibe, die ihres Vaters Namen trug. "Der Mann hat mehr gelitten als ich. La? mich auch das dir noch erz?hlen."--Harre war fort; er hatte von meinem Vater in einem herzlichen guten Briefe Abschied genommen; gesehen haben sie sich nicht mehr. Bald darauf waren die letzten gerichtlichen Schritte gegen uns getan, und die Er?ffnung des Konkurses sollte in n?chster Zeit erfolgen.
Es war damals Sitte in unserer Stadt, da? alle ?ffentlichen Bekanntmachungen nicht wie jetzt durch den Prediger in der Kirche, sondern aus dem offenen Fenster des Ratssitzungssaales durch den Stadtsekret?r verlesen wurden; bevor aber dies geschah, wurde eine halbe Stunde lang mit der kleinen Glocke vom Turm gel?utet. Da unser Haus dem Rathause gegen��ber lag, so hatte ich dies oft beobachtet, und auch, wie sich unter dem Glockenschall Kinder und m��?ige Leute vor den Rathausfenstern und auf der Treppe ��ber dem Ratskeller versammelten. Das n?mliche geschah bei der Publizierung eines Konkursurtels; aber die Leute legten dann der Sache eine ��ble Bedeutung unter, und das Wort "Die Glocke hat ��ber ihn gel?utet", galt f��r einen Schimpf.--Ich hatte auch in solchen F?llen ohne viel Gedanken hingeh?rt; jetzt zitterte ich vor dem Eindruck, den dieser Vorgang auf das Gem��t meines ohnehin tiefgebeugten Vaters machen w��rde.
Er hatte mir vertraut, da? er sich deshalb durch einen befreundeten Ratsherrn an den B��rgermeister gewandt habe; und der Ratsherr, ein gutm��tiger Schw?tzer, hatte ihm die Zusicherung gegeben, da? die Publikation diesmal ohne die Glocke geschehen w��rde. Ich selbst aber wu?te aus sicherer Quelle, da? diese Zusicherung eine grundlose war. Dennoch lie? ich meinen Vater in seinem arglosen Glauben und bem��hte mich nur, ihn f��r diesen Tag zu einer kleinen Reise aufs Land zu unsern Verwandten zu bereden. Aber er wollte, wie er mit schmerzlichem L?cheln sagte, sein sinkendes Schiff nicht vor dem v?lligen Untergang verlassen. Da, in meiner Angst, fiel mir ein, da? ich in dem hintersten Verschlage unseres sehr tiefen und gew?lbten Kellers die Glocke niemals hatte schlagen h?ren. Darauf baute ich meinen Plan. Es gelang mir auch, meinen Vater zu bereden, mit mir gemeinschaftlich ein Verzeichnis ��ber die dort lagernden Waren aufzunehmen, wodurch, wenn sp?ter die Gerichtspersonen zur Aufnahme des Inventars k?men, eine Abk��rzung dieses traurigen Gesch?fts herbeigef��hrt w��rde.
Als die verh?ngnisvolle Stunde kam, waren wir schon l?ngst unter der Erde bei unserer Arbeit. Mein Vater sortierte die Waren, ich beim Schein einer Laterne schrieb
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