In St. Jürgen | Page 7

Theodor W. Storm
Mutter; als sie es inne wurde, da? sie uns verlassen m��sse, brach sie in ein bitteres Weinen aus, das kein Ende nehmen wollte, bis sie in ihren Todesschlaf verfiel. Das waren die letzten Laute, die ich aus deiner Mutter Mund vernahm." Er schwieg einen Augenblick, dann sagte er z?gernd, als scheue er sich vor dem Laut seiner eignen Stimme: "Heute nacht, nach achtzehn Jahren, da der Spaten auf die Kiste stie?, habe ich es wieder geh?rt. Es war nicht blo? in meinem Ohr, wie es all die Jahre hindurch so oft gewesen ist; unter mir, aus dem Grund der Erde kam es herauf.--Man darf nicht sprechen bei solchem Werk; aber mir war, als schnitte das Eisen in deiner toten Mutter Herz.--Ich schrie laut auf, da erlosch die Lampe, und--siehst du", setzte er dumpf hinzu, "deshalb ist alles wieder verschwunden."
Ich warf mich vor meinem Vater auf die Knie und legte meine H?nde um seinen Nacken. "Ich bin kein Kind mehr", sagte ich, "la? uns zusammenhalten, Vater; ich wei?, das Ungl��ck ist in unser Haus gekommen."
Er sagte nichts; aber er lehnte seine feuchte Stirn an meine Schulter; es war das erste Mal, da? er an seinem Kinde eine St��tze suchte. Wie lange wir so gesessen haben, wei? ich nicht. Da f��hlte ich, da? meine Wangen von hei?en Tr?nen na? wurden, die aus seinen alten Augen flossen. Ich klammerte mich an ihn. "Weine nicht, Vater", bat ich, "wir werden auch die Armut ertragen k?nnen."
Er strich mit seiner zitternden Hand ��ber mein Haar und sagte leise, so leise, da? ich es kaum verstehen konnte: "Die Armut wohl, mein Kind, aber nicht die Schuld."
Und nun, mein Junge, kam eine bittere Stunde; aber eine, die noch jetzt in meinem Alter mir als die trostvollste meines Lebens erscheint. Denn zum ersten Male konnte ich meinem Vater die Liebe seines Kindes geben; und von jenem Augenblicke an blieb sie ihm das Teuerste und bald auch das letzte, was er auf Erden noch sein nannte. W?hrend ich neben ihm sa? und heimlich meine Tr?nen niederschluckte, sch��ttete mein Vater mir sein Herz aus. Ich wu?te nun, da? er vor dem Bankerott stand; aber das war das Schlimmste nicht. In einer schlaflosen Nacht, da er vergebens auf seinem hei?en Kissen nach einem Ausweg aus dem Elend gesucht, war ihm die halbvergessene Sage von dem Schatz in unserem Brunnen wieder in den Sinn gekommen. Der Gedanke hatte ihn seitdem verfolgt; tags, wenn er ��ber seinen B��chern sa?, des Nachts, wenn endlich ein schwerer Schlummer auf seiner Brust lag. In seinen Tr?umen hatte er das Gold im dunkeln Wasser brennen sehen; und wenn er morgens aufgestanden, immer wieder hatte es ihn hinaus an den Brunnen getrieben, um wie gebannt in die geheimnisvolle Tiefe hinabzustarren. Da hatte er sich dem argen Geh��lfen anvertraut. Aber der war keineswegs sogleich bereit gewesen, sondern hatte vor allem eine bedeutende Summe zu den notwendigen Vorbereitungen des Werkes verlangt. Mein Armer Vater hatte schon keinen Willen mehr; er gab sie hin, und bald eine zweite und dritte. Das Traumgold verschlang das wirkliche, das noch in seinen H?nden war; aber dieses Gold war nicht sein eigen; es war das anvertraute Erbe seines M��ndels. An Ersatz war nicht zu denken; wir rieten hin und wider; Verwandte, die uns zu helfen vermocht, hatten wir nicht; dein Gro?vater war nicht mehr; endlich gestanden wir uns, da? von au?en keine H��lfe zu hoffen sei.--Das Licht war ausgebrannt, ich hatte meinen Kopf an meines Vaters Brust gelegt, meine Hand ruhte in der seinen; so blieben wir im Dunkeln sitzen. Was dann weiter im geheimen Zwiesprach dieser Nacht zwischen uns gesprochen wurde, ich wei? es nicht mehr. Aber niemals zuvor, da noch mein Vater unfehlbar vor mir stand, wie fast nur unser Herrgott selber, habe ich solch heilige Z?rtlichkeit f��r ihn gef��hlt wie in jener Stunde, da er mir eine Tat vertraut hatte, die wohl nicht blo? vor den Augen der Menschen ein Verbrechen war.--Allgemach erblichen am Himmel drau?en die Sterne, ein kleiner Vogel sang aus den Holunderb��schen, und der erste Schein des Morgenrots fiel in das d?mmerige Zimmer. Mein Vater stand auf und trat an das Pult, auf dem seine gro?en Kontob��cher lagen. Das lebensgro?e ?lbild des Gro?vaters, mit dem Haarbeutel und dem lederfarbenen Kamisol, schien strenge auf den Sohn herabzusehen. "Ich werde noch einmal rechnen", sagte mein Vater, "bleibt das Fazit dasselbe", setzte er z?gernd hinzu, indem er wie um Vergebung flehend zu dem Bilde seines Vaters aufblickte, "dann werde ich einen schweren Gang tun; denn ich bedarf der Barmherzigkeit Gottes und der Menschen."
Auf seinen Wunsch verlie? ich jetzt das Zimmer, und bald wurde es laut im Hause; der Tag war angebrochen. Als ich die n?tigen Gesch?fte besorgt hatte, ging ich in den Garten und durch das Hinterpf?rtchen auf den Weg hinaus; Harre pflegte hier vorbeizukommen, wenn er morgens nach der Werkstatt ging, in
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