In St. Jürgen | Page 6

Theodor W. Storm
meine Unruhe auszureden gesucht hatte, wurde angespannt; und als es Mitternacht vom Turme schlug, hielt der Wagen vor unserm Hause. Es schien alles zu schlafen; erst als ich eine Zeitlang geklopft hatte, wurde drinnen die Kette abgehakt, und der Lehrling, der seine Kammer unten auf dem Flur hatte, ?ffnete die Haust��r. Es war alles, wie es immer gewesen. "Ist der Herr zu Haus?" fragte ich.
"Der Herr ist schon um zehn Uhr schlafen gegangen", war die Antwort.
Ich stieg leichteren Herzens nach meiner Kammer hinauf, deren Fenster nach dem Garten lagen.--Die Nacht drau?en war so hell, da? ich, ohne Licht zu machen, noch einmal ans Fenster trat. Der Mond stand ��ber der Holunderwand, deren noch unbelaubte Zweige sich scharf gegen den Nachthimmel abzeichneten; und meine Gedanken gingen mit meinen Augen ��ber diese Erde hinaus zu dem gro?en liebreichen Gott, dem ich all meine Sorgen anvertraute.--Da, wie ich eben in das Zimmer zur��cktreten wollte, sah ich pl?tzlich aus der R?hre des Brunnens, welcher dort im Schatten lag, eine rote Glut emporlodern; ich sah die am Rande wuchernden Grasb��schel und dann dar��berher die Zweige des Geb��sches wie in goldenem Feuer schimmern. Mich ��berfiel eine abergl?ubische Furcht; denn ich dachte an die Kerze des grauen M?nnleins, das drunten auf dem Grunde hocken sollte. Als ich aber sch?rfer hinblickte, bemerkte ich eine Leiter an der Brunnenwand, von der jedoch nur das oberste Ende von hier aus sichtbar war. Im selben Augenblicke h?rte ich einen Schrei aus der Tiefe; dann ein Gepolter; und ein dumpfes Get?se von Menschenstimmen scholl herauf. Mit einem Male erlosch die Helligkeit; und ich h?rte deutlich, wie es sprossenweise an der Leiter emporklomm.
Die Gespensterfurcht verlie? mich; aber statt dessen beschlich mich eine unklare Angst um meinen Vater. Mit zitternden Knien ging ich nach seiner Schlafkammer, die neben der meinen lag. Als ich behutsam die Gardine von seinem Bette zur��ckzog, da beschien der Mond die leeren Kissen; sein armer Kopf hatte wohl schon l?ngst nicht mehr die Ruhe darauf gefunden; jetzt waren sie g?nzlich unber��hrt. In Todesangst lief ich die Treppe hinab nach der Hoft��r; aber sie war verschlossen und der Schl��ssel abgezogen. Ich ging in die K��che und z��ndete Licht an; dann nach der Schreibstube, die ebenfalls ihre Fenster nach dem Garten hatte. Eine Zeitlang stand ich ratlos am Fenster und starrte hinaus; ich h?rte Tritte zwischen den Holunderb��schen, aber ich konnte nichts unterscheiden; denn die dahinterstehende Planke verbreitete trotz des Mondscheins tiefen Schatten. Da h?rte ich drau?en die Hoft��r aufschlie?en, und bald darauf wurde auch die Stubent��r ge?ffnet. Mein Vater trat herein.--Ich bin so alt geworden, aber ich habe es nicht vergessen; sein langes graues Haar triefte von Wasser oder Schwei?; seine Kleider, die er sonst so peinlich sauber hielt, waren ��berall mit gr��nem Schlamm besudelt.
Er fuhr sichtbar zusammen, als er mich erblickte. "Was ist das! Wie kommst du hieher?" sagte er hart.
"Der Vetter lie? mich herfahren, Vater!"
"Um Mitternacht?--Das h?tte er k?nnen bleibenlassen."
Ich sah meinen Vater an; er hatte die Augen niedergeschlagen und stand unbeweglich. "Es lie? mir keine Ruhe", sagte ich, "Mir war, ich sei hier n?tig, als m��sse ich zu dir."
Der alte Mann lie? sich auf einen Stuhl sinken und bedeckte sein Gesicht mit beiden H?nden. "Geh in deine Kammer", murmelte er; "ich will allein sein."
Aber ich ging nicht. "La? mich bei dir bleiben", sagte ich leise. Mein Vater h?rte nicht auf mich; er erhob den Kopf und schien nach drau?en hinzuhorchen. Pl?tzlich sprang er auf. "Still!" rief er, "h?rst du's?" und sah mich mit weit offenen Augen an.
Ich war ans Fenster getreten und sah hinaus. Es war alles tot und stille; nur die Holunderzweige schlugen, vom Nachtwinde bewegt, gegeneinander. "Ich h?re nichts!" sagte ich.
Mein Vater stand noch immer, als h?re er auf etwas, das ihn mit Entsetzen erf��llte. "Ich meinte, es sei keine S��nde", sprach er vor sich hin; "es ist kein gottloses Wesen dabei, und der Brunnen steht, bis jetzt wenigstens, auf meinem Grund." Dann wandte er sich zu mir. "Ich wei?, du glaubst nicht daran, mein Kind", sagte er, "aber es ist dennoch gewi?; die Rute hat dreimal geschlagen, und die Nachrichten, die ich nur zu teuer habe bezahlen m��ssen, stimmen alle ��berein; es liegt ein Schatz in unserm Brunnen, der zur Schwedenzeit darin vergraben ist. Warum sollte ich ihn nicht heben!--Wir haben die Quelle abged?mmt und das Wasser ausgesch?pft, und heute nacht haben wir gegraben."
"Wir?" fragte ich. "Von welchem andern sprichst du?"
"Es ist nur einer in der Stadt, der das versteht."
"Du meinst doch nicht den Goldmacher? Das ist kein guter Helfer!"
"Es ist nichts Gottloses mit dem Rutenschlagen, mein Kind."
"Aber die es treiben, sind Betr��ger."--Mein Vater hatte sich wieder auf den Stuhl gesetzt und sah wie zweifelnd vor sich hin. Dann sch��ttelte er den Kopf und sagte: "Der Spaten klang schon darauf; aber da geschah etwas"; --und sich unterbrechend, fuhr er fort: "Vor achtzehn Jahren starb deine
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