In St. Jürgen | Page 9

Theodor W. Storm
auf ein Blatt Papier, was er mir diktierte. Ein paarmal war mir wohl gewesen, als h?rte ich von fern das Summen einer Glocke; dann sprach ich ein paar laute Worte, bis das Schieben und R��cken mit den F?ssern und Kisten allen von au?en eindringenden Schall wieder verschlang. Alles schien gut zu gehen, mein Vater war ganz in seine Arbeit vertieft. Da h?rte ich pl?tzlich droben die Kellert��r aufrei?en; die alte Magd rief, ich wei? nicht mehr weshalb, nach mir, und zugleich drangen auch die klaren Schallwellen der Glocke zu uns herab. Mein Vater horchte auf und setzte die Kiste, die er in den H?nden hatte, auf den Boden. "Die Schandglocke!" st?hnte er und fiel wie kraftlos gegen die Wand. "Es wird mir nichts erspart."--Aber nur einen Augenblick; dann richtete er sich auf, und ehe ich noch Zeit bekam, ein Wort zu reden, hatte er schon den Raum verlassen, und gleich darauf h?rte ich ihn die Kellertreppe hinaufsteigen. Auch ich ging jetzt in das Haus hinauf und fand meinen Vater, nachdem ich ihn vergebens in der Schreibstube gesucht, im Wohnzimmer mit gefalteten H?nden am offnen Fenster stehen. In diesem Augenblick h?rte das Glockenl?uten auf; im Rathaus dr��ben, das von der hellen Morgensonne beleuchtet war, wurden die drei Fensterfl��gel aufgesto?en, und ich sah den Stadtdiener die roten Polster auf die Fensterb?nke legen; an dem Eisengel?nder der Ratstreppe hing schon ein ganzer Schwarm von halberwachsenen Buben. Mein Vater stand unbeweglich und sah mit gespannten Augen zu. Ich wollte ihn mit sanften Worten fortziehen. Aber er wehrte mir. "La? nur, mein Kind", sagte er, "das geht mich an, ich mu? das h?ren."
So blieb er denn. Der alte Stadtsekret?r mit seinem wei?gepuderten Kopf erschien dr��ben in dem Mittelfenster, und w?hrend ihm zur Seite zwei Ratsherren auf den roten Kissen lehnten, verlas er mit seiner scharfen Stimme aus einem Blatt Papier, das er in beiden H?nden vor sich hielt, das Konkursurtel. Bei der klaren Fr��hlingsluft drang jedes Wort verst?ndlich zu uns her��ber. Als mein Vater seinen vollen Namen ��ber den Markt hinaussprechen h?rte, sah ich ihn zusammenzucken; aber er hielt dennoch stand, bis alles vor��ber war. Dann zog er seine goldene Uhr, die er von seinem Vater ererbt hatte, aus der Tasche und legte sie auf den Tisch. "Sie geh?rt zur Konkursmasse", sagte er, "Schlie?e sie in die Schatulle, damit sie morgen mit versiegelt werde."
Am andern Tage kamen die Herren zur Versiegelung; aber mein Vater konnte das Bett nicht verlassen; er war in der Nacht vom Schlage getroffen worden. --Als einige Monate sp?ter unser Haus verkauft war, wurde er in einem Tragkorb, den wir aus dem Krankenhause geliehen, nach der kleinen Wohnung gebracht, die wir am Ende der Stadt f��r uns gemietet hatten. Dort hat er noch neun Jahre gelebt; ein gel?hmter und gebrochener Mann. In seinen guten Stunden besorgte er kleine Rechnungen und Schreibereien f��r andere; das meiste habe ich mit meiner H?nde Arbeit verdienen m��ssen. Dann aber ist er in fester Hoffnung auf die Barmherzigkeit Gottes in meinen Armen sanft verschieden.--Nach seinem Tode kam ich zu guten Leuten; es war das Haus deiner Gro?eltern."
Meine alte Freundin schwieg. Ich aber dachte an Harre.--"Und hast du denn", fragte ich, "w?hrend der ganzen Zeit auch niemals eine Nachricht von deinem Jugendfreunde erhalten?"
"Niemals, mein Kind", erwiderte sie.
"Wei?t du, Hansen", sagte ich, "dein Harre gef?llt mir nicht, er war kein Mann von Wort!"
Sie legte die Hand auf meinen Arm. "So darfst du nicht sprechen, Kind. Ich habe ihn gekannt; es gibt noch andere Dinge als den Tod, die des Menschen Willen zwingen.--Aber wir wollen nach meinem Zimmer gehen; du hast deinen Hut noch dort, und es mag bald Mittag werden."
So schlossen wir denn den einsamen Festsaal wieder ab und gingen denselben Weg zur��ck, den wir gekommen waren. Diesmal ?ffnete sich die T��r des Sp?kenkiekers nicht; nur hinter derselben, auf den sandigen Dielen, h?rten wir seinen schlurfenden Schritt.
Als wir in Hansens Zimmer waren, wo noch der letzte Strahl der Vormittagssonne in die Fenster schien, zog sie eine Schublade ihrer Schatulle auf und nahm daraus ein Mahagonik?stchen, sauber poliert, aber im Geschmack einer vergangenen Zeit. Es mochte einst ein Geschenk des jungen Tischlers an einem Geburtstage ihrer Jugend gewesen sein.
"Das mu?t du auch noch sehen", sagte Hansen, indem sie das K?stchen aufschlo?. Es lagen Wertpapiere darin, welche s?mtlich auf Harre Jensen, "Sohn des verstorbenen Tischlermeisters Harre Christian Jensen dahier", lauteten, deren Datum aber nicht ��ber die letzten zehn Jahre hinabreichte.
"Wie kommst du zu diesen Papieren?" fragte ich.
Sie l?chelte. "Ich habe nicht umsonst gedient."
"Aber die Papiere lauten nicht auf deinen Namen!"
"Es ist die Schuld meines Vaters, die ich zur��ckerstatte. Deshalb, und weil mein Nachla?, wie aller, die hier versterben, an das Stift f?llt, habe ich das Geld sofort auf Harre Jensens Namen schreiben lassen."--Einen Augenblick noch, ehe sie es wieder einschlo?, wog sie das K?stchen auf der Hand. "Der Schatz ist wieder

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