will es gestehen--, seine gewi? wohlgesetzte Predigt meist nur wie ein eint?niges Wellenger?usch und wie aus weiter Ferne an mein Ohr dringen f��hlte; denn unter mir, gegen��ber, hing das lebensgro?e Portr?t eines alten Predigers mit langen schwarzkrausen Haaren und seltsam geschorenem Schnurrbart, das bald meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen pflegte. Mit den melancholischen schwarzen Augen blickte es so recht wie aus der dumpfen Welt des Wunder- und Hexenglaubens in die neue Zeit hinauf und erz?hlte mir weiter von der Stadt Vergangenheit, wie es in den Chroniken zu lesen stand, bis hinab zu dem b?sen Stegreifjunker, dessen letzte Untat einst das Epitaphium des Ermordeten in der alten Kirche berichtet hatte.--Freilich, wenn dann pl?tzlich die Orgel das "Unsern Ausgang segne Gott" einsetzte, so schlich ich mich meist verstohlen wieder ins Freie; denn es war kein Spa?, dem Examen meiner alten Freundin ��ber die geh?rte Predigt standhalten zu m��ssen.
Von ihrer eigenen Vergangenheit pflegte Hansen nicht zu erz?hlen; ich war schon ein paar Jahre lang Student gewesen, als ich bei einem Ferienbesuch in der Heimat dar��ber zum ersten Mal etwas von ihr erfuhr.
Es war im April, an ihrem f��nfundsechzigsten Geburtstage. Wie in fr��heren Jahren, so hatte ich ihr auch heute die beiden hergebrachten Dukaten von der Gro?mutter und einige kleine Geschenke von uns Geschwistern ��berbracht und war von ihr mit einem Gl?schen Malaga bewirtet worden, den sie f��r solche Tage in ihrem Wandschr?nkchen aufbewahrte. Nachdem wir ein Weilchen geplaudert hatten, bat ich sie, mir heute, wie ich schon lange gew��nscht, den Festsaal zu zeigen, in dem seit Jahrhunderten die Vorsteher der Stiftung nach der j?hrlichen Rechnungsablage ihre Schm?use zu feiern pflegten. Hansen willigte ein, und wir gingen miteinander den dunkeln Korridor entlang; denn der Saal lag jenseits der Kapelle am andern Ende des Hauses. Als ich beim Hinabsteigen der Hintertreppe ausglitt und die letzten Stufen hinabstolperte, wurde unten auf dem Flur eine T��r aufgerissen, und der unheimliche nackte Kopf eines neunzigj?hrigen Mannes reckte sich daraus hervor. Er murmelte ein paar halbverst?ndliche Scheltworte und stierte uns dann, bis wir durch die T��r der Kapelle traten, mit den verglasten Augen nach.
Ich kannte ihn wohl; die Stiftsleute hie?en ihn den "Sp?kenkieker"; denn sie behaupteten, er k?nne "was sehen".
"Die Augen k?nnten einen f��rchten machen", sagte ich zu Hansen, als wir durch die Kapelle gingen.
Sie meinte: "Er sieht dich gar nicht; er sieht nur noch r��ckw?rts in sein eignes t?richtes und s��ndhaftes Leben."
"Aber", erwiderte ich scherzend, "er sieht doch dort in der Ecke die offenen S?rge stehen, w?hrend die darin liegen, noch lebend unter euch umherwandern."
"Das sind auch nur Schatten, mein Kind; er tut nichts Arges mehr. Freilich", setzte sie hinzu, "ins Stift geh?rte er nicht und hat auch nur auf eine der Freistellen des Amtmanns hineinschl��pfen k?nnen; denn wir andern m��ssen unsere b��rgerliche Reputation nachweisen, ehe wir hier angenommen werden."
Wir hatten inzwischen den Schl��ssel bei der Wirtschafterin abgelangt und stiegen nun die Treppe zu dem Festsaal hinauf.--Es war nur ein m??ig gro?es, niedriges Gemach, das wir betraten. An der einen Wand sah man eine altert��mliche Stutzuhr aus dem Nachla? einer hier Verstorbenen, an der gegen��berstehenden hing das lebensgro?e Bild eines Mannes in einfachem rotem Wams; sonst war das Zimmer ohne Schmuck. "Das ist der gute Herzog, der das Stift gebaut hat", sagte Hansen; "aber die Menschen genie?en seine Gaben und denken nicht mehr an ihn, wie er es doch bei seiner Lebzeit wohl gew��nscht hat."
"Aber du gedenkst ja seiner, Hansen."
Sie sah mich mit ihren sanften Augen an. "Ja, mein Kind", sagte sie, "das liegt so in meiner Natur; ich kann nur schwer vergessen."
Die W?nde nach der Stra?e und nach dem Kirchhofe hatten eine Reihe Fenster mit kleinen in Blei gefa?ten Scheiben; und in jeder fast war ein Name, meist aus mir bekannten angesehenen B��rgerfamilien, mit schwarzer Farbe eingebrannt; darunter: "Speisemeister dahier Anno--", und dann folgte die betreffende Jahreszahl.
"Siehst du, das ist dein Urgro?vater", sagte Hansen, indem sie auf eine dieser Scheiben wies; "den vergesse ich auch nicht; mein Vater hat bei ihm die Handlung gelernt und sp?ter oft Rat und Tat bei ihm geholt; leider, in der schwersten Zeit, da hatte er schon seine Augen zugetan."
Ich las einen andern Namen: "Liborius Michael Hansen, Speisemeister Anno 1799."
"Das war mein Vater!" sagte Hansen.
"Dein Vater? Wie kam es denn eigentlich--?"
"Da? ich mein halbes Leben gedient habe, meinst du, w?hrend ich doch zu den Honoratiorent?chtern geh?rte?"
"Ich meine, was war es eigentlich wodurch das Ungl��ck ��ber deine Familie kam?"
Hansen hatte sich auf einen der alten Lederst��hle gesetzt. "Das war nichts Besonderes, mein Kind", sagte sie; "es war Anno sieben, zur Zeit der Kontinentalsperre; damals florierten die Spitzbuben, und die ehrlichen Leute gingen zugrunde. Und ein ehrlicher Mann war mein Vater!--Er hat den Namen auch mit ins Grab genommen", fuhr sie nach einem kurzen Schweigen fort. "Ich sehe es noch, wie er mir einst, da wir miteinander durch die Kr?merstra?e gingen, ein

Continue reading on your phone by scaning this QR Code
Tip: The current page has been bookmarked automatically. If you wish to continue reading later, just open the
Dertz Homepage, and click on the 'continue reading' link at the bottom of the page.