Edgar Allan Poe | Page 3

Hanns Heinz Ewers
Rossetti und Swinburne, stecken
Wilde ins Zuchthaus und zeigen mit den Fingern auf Charles Lamb und
Poe -- -- weil sie tranken!
Ich bin doch froh, dass ich ein Deutscher bin! Deutschlands grosse
Männer durften -- -- unsittlich sein. +Unsittlich+ -- -- das heisst: nicht
eben genau so sittlich, wie die guten Bürger und Pfaffen. Der Deutsche
sagt: »Goethe war unser grosser Dichter«. -- Er weiss, dass er nicht so
sehr sittlich war, aber er nimmt ihm's nicht weiter übel. -- Der
Engländer sagt: »Byron war unsittlich, +darum war er+ kein grosser
+Dichter+«. Nur in England konnte des widerlichen Moralpfaffen
Kingsley Wort über Heine ein geflügeltes werden: »Sprecht nicht von
ihm -- -- -- er war ein schlechter Mensch!« --
Wenn es aber gar nicht mehr anders geht, wenn alle Völker ringsum die
»unsittlichen« englischen Dichter anerkennen und lieben, wenn der
Engländer endlich +gezwungen wird, zu sprechen+ -- -- -- dann +lügt+
er. Er gibt seine Heuchelei nicht auf, er sagt dann: nach neueren
Untersuchungen war der Mann gar nicht unsittlich; er war vielmehr
hochsittlich, ganz rein und ganz unschuldig! So haben die englischen
Lügner Byrons »Ehre gerettet«, so wird es nicht lange mehr dauern, bis
sie auch aus Saulus Wilde einen Paulus machen! -- So ist für Poe den
Griswolds ein Ingram gefolgt: »Ach nein, er trank wirklich nicht!«

+Die Engländer dürfen nun Edgar Allan Poe anerkennen, nachdem ihm
amtlich bescheinigt ist, dass er ein sittlicher Mensch war!+
Wir aber, die wir nicht den geringsten Anspruch auf bürgerliche und
pfäffische Sittenreinheit machen, wir lieben ihn, wenn er auch trank. Ja
noch mehr, wir lieben ihn, weil er trank, denn wir wissen, dass eben aus
dem Gifte, das seinen Leib zerstörte, reine Blüten entsprossten, deren
Kunstwerte unvergänglich sind.
Wie Kunstwerte entstanden, das geht den Laien nichts an. Das hat der
Künstler mit sich allein abzumachen, niemand darf da ein Wort
mitreden, oder gar ein abfällig Urteil fällen. Nur die wenigen, denen er
einen Einblick gewährt in sein Schaffen, +weil sie ihn lieben+, nur die
dürfen schweigend zuschauen, dürfen erzählen -- --
Wilde erzählt das Märchen von der wunderschönen Rose, die aus dem
Herzblut der sterbenden Nachtigall erwuchs. Der Student, der sie brach,
schaute und staunte, nie hatte er eine solch wunderrote Blutrose
gesehen. Aber er +wusste nicht+, wie sie entstand.
[Abbildung: EDGAR ALLAN POE Nach E. Manet]
Wir bewundern Odontoglossum grande, die prächtigste Orchidee -- --
-- ist sie weniger schön, weil sie sich von Insekten ernährt, die sie in
der schmählichsten Weise langsam zu Tode quält? Wir freuen uns im
Parke von Cintra über die herrlichen Lilien, wir staunen: so gross, so
weiss haben wir sie nie gesehen! Was geht es uns an, dass sie all ihre
aussergewöhnliche Pracht dem Umstand verdanken, dass der kluge
Gärtner ihren Nährboden nicht mit dem »natürlichen« Wasser, sondern
mit Guano, mit ausgesuchtem Kunstdünger behandelte?!
-- Es wird einmal eine Zeit kommen, wo man mitleidig lächeln wird
über die breiten Landstrassen unserer rauschlosen Kunst, die nur
spärlich hier und da durch des Alkohols trübe Laternen erhellt werden.
Eine Zeit, für die die Begriffe +Rausch+ und +Kunst+ ein untrennbares
Ganzes sind, die nur innerhalb der grossen Rauschkunst Unterschiede
kennt. Dann erst wird man den Pfadfindern die hohe Stelle geben, die
ihnen gebührt, den Hoffmann, Baudelaire, Poe -- -- den Künstlern, die

zuerst bewusst mit dem Rausche arbeiteten.
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Seid doch ehrlich! Gibt es einen Künstler, der des Rausches ganz
entbehren kann? Nehmen sie nicht alle ihr kleines Giftchen: Tee, Tabak,
Kaffee, Bier oder was es sei? Muss nicht der Geist »vergiftet« werden,
um Kunstwerte zu schaffen, sei es nun, dass er das Gift durch den
Körper empfängt, sei es -- -- -- auf andere Weise?
Denn es gibt manche andere Weisen -- --
Die Kunst ist der Natur entgegengesetzt. Ein Mensch, der physisch und
psychisch rein abstinent lebt, dessen Voreltern auch durch lange
Generationen hindurch ebenso abstinent lebten, so dass sein Blut nicht,
wie bei uns allen, längst »vergiftet« ist, kann +nie+ ein Künstler
werden -- wenn nicht eines Gottes Gunst seinem Leben andere
Sensationen schenkt, die Ekstasen erwecken mögen. Aber auch das
sind Vergiftungen des Geistes! Natur und Kunst sind die schlimmsten
Feinde: wo die eine herrscht, ist die andere unmöglich.
Was ist -- -- im engsten, im besten Sinne -- der Künstler? +Ein Pionier
der Kultur in das Neuland des Unbewussten!+
Wie wenige verdienen in diesem heiligen Sinne den stolzen Namen! Th.
A. Hoffmann verdient ihn, und Jean Paul und Villiers und Baudelaire --
-- Und ganz sicher auch Edgar Allan Poe, das müssen selbst die
Griswolds dem Dichter zugestehen, der in so manchen seiner
Geschichten
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