Der Streit Über die Tragödie | Page 6

Theodor Lipps
ANTIGONE erleidet? Ist sie durch unser nat��rliches Gef��hl gerichtet, als eine, die nicht verdient, weiterzuleben? Haben wir, wenn sie ihrem schrecklichen Schicksal verf?llt, das Bewu?tsein, ihr sei recht geschehen und weiter nichts, und ist es dieses Bewu?tsein, ist es dies befriedigte "Gerechtigkeitsgef��hl", aus dem wir den erhabenen Genu? sch?pfen, den uns die Trag?die gew?hrt?
Man rede nicht von einem h?heren sittlichen Standpunkte gegen��ber dem Kunstwerk. Reiner allerdings ist der Standpunkt, wir stehen nirgends auf einem reineren sittlichen Standpunkt als gegen��ber dem tragischen Kunstwerk. Aber er ist reiner, nicht weil er dem nat��rlichen Gef��hl Hohn spricht, sondern sofern er eben dies Gef��hl unbeeinflu?t durch R��cksichten, wie sie der Zusammenhang der Wirklichkeit mit sich bringt, zur Geltung kommen l??t.

SCHULD UND "STRAFE".
Doch urteilen wir nicht zu schnell. Sehen wir der Theorie etwas n?her ins Gesicht. Worin denn soll jener "h?here" Standpunkt bestehen? Ist er ein h?herer, weil er ein strengerer ist, der mi?t nicht nach menschlichem Ma?stabe, sondern nach dem Ma?stabe sittlicher Vollkommenheit? Von sittlicher Vollkommenheit allerdings bleibt ja alle menschliche Tugend weit entfernt. Vielleicht sieht ein vollkommenes Wesen, sieht die Gottheit die besten der Menschen so weit von sich entfernt, da? das Gute, das an ihnen ist, ihr unendlich klein erscheint. Besteht es darum f��r sie gar nicht mehr? Darf sie es v?llig f��r nichts achten?
Doch was reden wir? Sind denn wir die Gottheit? K?nnen wir denn einen anderen Ma?stab haben als den menschlichen? Ist der Dichter nicht Mensch und wendet sich an Menschen?
Lassen wir uns aber jenen h?heren Standpunkt einen Augenblick gefallen. Die besten der tragischen Helden seien trotz ihres guten Wollens so nichtsw��rdig, als es von jenem h?heren Standpunkt irgend scheinen mag. M��ssen sie darum vernichtet werden? Gewi? wird einem absolut vollkommenen Willen jede Unvollkommenheit, jeder Mangel, jedes B?se widerstreben. Er wird demgem?? das B?se ��berall aufzuheben und zu vernichten streben. Aber hei?t dies, er wird die Menschen vernichten? Sind denn die Menschen die Unvollkommenheit, der Mangel, das B?se? Sind sie das Nichtseinsollende, weil das Nichtseinsollende ihnen anhaftet? So gewi? nur das, was am Menschen b?se ist, oder der Mensch, sofern er b?se ist, dem vollkommenen Willen widerspricht, so gewi? kann die Gegenwirkung dieses Willens nur gegen dies B?se gerichtet sein, nicht gegen das Ganze des Menschen. Der vollkommene Wille kann nicht seinen Zorn von dem B?sen auf das ganze Wesen ��bertragen und so mit dem B?sen auch das, sei es noch so geringe Gute, oder den Keim des Guten, der im Menschen wohnt, zugleich vernichten wollen. Dies Gute mu? er lieben und zu erhalten streben, so gewi? er das B?se ha?t und aufzuheben strebt. M?gen wir verm?ge eines nat��rlichen Irrtums unseres Empfindens Menschen hassen, statt das B?se in ihnen zu hassen, dem vollkommenen sittlichen Willen liegt solcher Irrtum fern.
Welche Bedeutung d��rfen wir dann noch der Strafe beimessen?--Strafe ist nicht unmittelbar Aufhebung oder Verneinung des B?sen. Sie ist Verh?ngung eines ��bels ��ber die Person, st?render oder vernichtender Eingriff in den Bestand der Pers?nlichkeit, der diese oder jene Seite der Pers?nlichkeit treffen kann. Dies hindert doch nicht, da? ihr ganzes sittliches Wesen einzig in jener Reaktion des sittlichen Willens,--wenn ein sittlich vollkommener Wille als der Strafende gedacht wird, in der Reaktion dieses sittlich vollkommenen Willens--gegen das B?se bestehen kann. Das B?se aber ist einzig im Innern der Pers?nlichkeit als deren b?ser Wille. Darnach hat die Strafe ihre sittliche Bedeutung, nicht sofern sie in die Pers?nlichkeit ��berhaupt st?rend und vernichtend eingreift, sondern lediglich sofern dadurch der b?se Wille getroffen, gebrochen, vernichtet wird. Die Strafe verfehlt ihren sittlichen Zweck, sie ist nicht Strafe, so sehr sie es nach der Absicht des Strafenden sein mag, wenn nicht in dem Gestraften das Bewu?tsein entsteht, da? er gestraft und mit Recht gestraft sei, wenn ihm nicht in der Strafe die Nichtigkeit seines b?sen Wollens und die sittliche ��bermacht des Willens, der die Strafe verh?ngt, zum Bewu?tsein kommt. Sie verdient ihren Namen nur soweit dies der Fall ist.
Wie nun, so frage ich, steht es hiermit bei ANTIGONE, EMILIA GALOTTI, MARIA STUART und so vielen anderen? Erkennen sie die "Strafe", die ihnen angeblich zu teil wird, als solche an? Beugen sie sich, wenn auch widerstrebend, vor der sittlichen ��bermacht dessen, der sie straft? Ist ihnen ��berhaupt die Macht, der sie unterliegen, eine sittliche?--Das Gegenteil ist der Fall. Also ist ihre "Strafe" thats?chlich keine Strafe. Die Wirkung in ihrem Innern, die allein der strafende sittliche Wille--wenn ihnen ein solcher gegen��bersteht--wollen kann, bleibt unerreicht.--Damit haben auch wir die sittliche Befriedigung, die uns die Strafe gew?hren soll, nicht gewonnen. Denn auch unser sittliches Bewu?tsein, wenn es nicht vielmehr sittliche Verblendung ist, kann nur durch das B?se am Menschen verletzt, also auch nur dadurch befriedigt oder wiederhergestellt werden, da? dies B?se, da? das b?se Wollen des Menschen durch die Strafe getroffen, und wenn es m?glich ist, aufgehoben wird.
Doch es scheint, wir haben hier noch eine M?glichkeit au?er Acht gelassen. Noch in anderer, als
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