Welt der Phantasie, in der wir leben, wenn wir die Gestalten sehen, r?cht sich ihre Schuld. Und da? sie sich r?cht, das ist kein Gedanke, sondern eine Thatsache, die wir vor unseren Augen erleben. Nicht dazu ist die Trag?die da, damit wir Gedanken vollziehen, sondern damit wir etwas erleben und davon ergriffen sind.
Doch damit ist die Theorie nicht beseitigt. Den "Gedanken" sind wir los und damit die "Weltanschauung", die in dem Glauben an jenen Gedanken besteht, und damit ist viel gewonnen. Aber das Erlebnis, der einzelne Fall der poetischen Gerechtigkeit, den uns die Trag?die vorf��hrt, bleibt bestehen oder scheint bestehen zu bleiben. Und damit bliebe f��r uns das Wesentliche. Mag der "Gedanke" oder die "Weltanschauung" wahr sein oder falsch, uns gen��gte der einzelne Fall, wie er auf der B��hne uns entgegentritt. In der Welt der Wirklichkeit braucht ein solcher Fall nur m?glich zu sein. Ist er zugleich auf der B��hne wirklich und beruht darauf die Wirkung der Trag?die, so h?rt unser weiterer Widerspruch gegen die Theorie auf.
Aber hier dr?ngt sich sofort ein anderer naheliegender Einwand auf. Es giebt au?er der Trag?die andere tragische Kunstwerke. Man sollte meinen, was den Sinn der Trag?die ausmache, m��sse in irgend einer Weise auch in sonstigen tragischen Kunstwerken vergegenw?rtigt sein. Wiefern aber leidet der LAOKOON des plastischen Bildwerks zur Strafe f��r eine Schuld? Wo ist da die poetische, oder wie es hier wohl hei?en m��?te, "plastische" Gerechtigkeit? Ich sehe das Leiden deutlich genug, aber woran sehe ich, da? ihm eine Schuld voranging? Der LAOKOON des Dichters mag f��r eine Schuld leiden, obgleich ich nicht wei?, worin sie bestehen sollte. Aber der LAOKOON des Dichters ist nun einmal nicht der plastische.
Dieser Thatbestand f��r sich allein h?tte gen��gen m��ssen, die Schuld- und Straftheorie, oder die Theorie der "poetischen Gerechtigkeit" zu Falle zu bringen. Doch so eingewurzelte Theorien sind nicht so leicht zu f?llen. Vielleicht hilft man sich mit der Bemerkung, die gemeinsame Bezeichnung plastischer und dramatischer Kunstwerke als tragischer sei v?llig zuf?llig, beweise darum in der That nichts f��r irgendwelche ��bereinstimmung in den Gr��nden ihrer Wirkung.
So fassen wir lieber die Trag?die direkt ins Auge. Der tragische Held soll leiden zur Strafe f��r eine Schuld. Diese Behauptung n?tigt die Vertreter unserer Theorie, ��berall an den tragischen Helden eine "Schuld" aufzusuchen. Es gelingt ihnen denn auch ��berall etwas zu finden, dem sie diesen Namen glauben geben zu d��rfen. ANTIGONE erhebt sich gegen den Tr?ger der socialen Ordnung; DESDEMONA vers��ndigt sich gegen die v?terliche Autorit?t, sie macht keinen Versuch, BRABANTIO durch Bitten und Thr?nen zur Einwilligung zu bewegen; und nun gar der Leichtsinn, das Taschentuch zu verlieren!--EMILIA GALOTTI hat keine tats?chliche, aber eine "Gedankenschuld" auf sich geladen.--So sehen wir, kein Unschuldiger, nur Schuldige werden vom tragischen Geschick ereilt.
Man wird nicht umhin k?nnen, den Scharfsinn zu bewundern, der zu solchen Schuldbeweisen aufgeboten worden ist. Im ��brigen gew?hren sie ein wenig erfreuliches Schauspiel. Als ob es nicht genug w?re, da? der Dichter seine Helden leiden l??t, werden sie nun auch noch von den ?sthetikern mi?handelt. Man zwingt sie erbarmungslos auf die Anklagebank, um alles an ihnen hervorzukehren, das Innerlichste und ?u?erlichste, das was sie gethan und das was sie, zwar nicht gegen ihre eigene, aber gegen des ?sthetikers bessere Einsicht unterlassen haben, Fehler, von denen Dichter und Kunstwerk wissen, und solche, von denen beide nichts wissen. Nachdem so das Verborgenste ans Licht gezogen ist, "pl?diert" man f��r und wider. Wo der eine eine kleine Schuld findet, wittert der andere eine gro?e; wo der eine milde gestimmt ist, redet sich ein anderer in Entr��stung hinein. Alle aber stimmen sie schlie?lich in das Schuldig ein: "Was brauchen wir weiter Zeugnis? Weg mit ihnen."
Was aber will man denn eigentlich mit dem allem? Darum handelt es sich ja doch nicht, ob die tragische Pers?nlichkeit ��berhaupt "unschuldig" ist, so unschuldig, da? auch derjenige, der seiner Theorie zuliebe einen Tadel an ihr finden mu? und will, keinen zu finden vermag. Wir sind allzumal S��nder, und die etwa ausgenommen sind, die neugeborenen Kinder oder die Heiligen des Himmels, wird man gewi? auch in Zukunft nicht zu Helden von Trag?dien machen. Nur das kann doch die Frage sein, ob der Held eine Schuld auf sich geladen hat, f��r die das Leiden, das ihn trifft, als gerechte Strafe erscheint, eine Schuld, die nur mit Vernichtung ges��hnt werden kann. Und dies wiederum nicht nach einem Ma?stabe, den wir speciell f��r die Trag?die zurecht schneiden m?gen, sondern nach demjenigen, den unser nat��rliches sittliches Gef��hl uns an die Hand giebt.
Reden wir ganz speziell. Hat ein Weib, das ganz erf��llt von reinster Bruderliebe, die heiligste Verpflichtung, die ihr diese Bruderliebe auferlegt, festh?lt, trotz der Drohungen eines Tyrannen, angesichts der Notwendigkeit elend dahinzusterben, kurz, hat ein Weib, das ebenso handelt wie ANTIGONE, und aus ebensolcher Gesinnung, durch dies Handeln und durch diese Gesinnung den Tod verdient, nicht irgend einen, sondern den grausamen und schmachvollen, wie ihn

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