Der Streit Über die Tragödie | Page 4

Theodor Lipps
sich finden, da? nicht in allen Trag?dien der Held zur Resignation gelange, dies wird ausdr��cklich zugestanden. Die Resignation, sagt man uns, bleibe eben in solchen F?llen der Reflexion des Zuschauers ��berlassen. Aber damit ist doch wohl zugleich ausdr��cklich zugestanden, da? die tr?stliche Aussicht, in welcher der eigentliche Sinn der Trag?die bestehen sollte, ganz au?erhalb des Kunstwerkes steht, und lediglich dem Zuschauer zur Last f?llt, der den Dichter erg?nzt oder korrigiert, wie es ihm eben beliebt. Giebt die thats?chliche Resignation des Helden uns das Bewu?tsein, da? wir unter gleichen Umst?nden derselben Resignation f?hig sein w��rden, dann mu? ebenso sicher der Mangel der Resignation, der ja auch im Kunstwerk wohl motiviert ist, die ��berzeugung in uns wecken, da? wir unter gleichen Umst?nden ebenso unresigniert sein w��rden. Gewinnen wir trotzdem auch im letzteren Falle die Zuversicht unserer eigenen Resignationsf?higkeit, so gelangen wir dazu auf unsere eigenen Kosten und dem Kunstwerk zum Trotz. Wir k?nnen dann ebensowohl aus jeder beliebigen Kom?die die gleiche Zuversicht sch?pfen. Das Kunstwerk ist schlie?lich g?nzlich gleichgiltig geworden. "Reflexionen" k?nnen wir ja jederzeit anstellen, welche wir wollen.
Fassen wir alles zusammen, so leuchtet ein, worin f��r die Theorie in Wahrheit der Genu? des tragischen Kunstwerkes besteht. Man geht ins Theater, um sich seiner gl��cklich gewonnenen Weltanschauung zu freuen. Stimmt damit das aufgef��hrte St��ck ��berein oder l??t es sich so umdeuten, da? es damit ��bereinzustimmen scheint, dann freut man sich auch an dieser wirklichen oder vermeintlichen ��bereinstimmung. Will das St��ck sich durchaus nicht der Weltanschauung f��gen, nun, dann l??t man das Kunstwerk Kunstwerk sein und begn��gt sich mit der Freude an seiner eigenen Weisheit.
Das tragische Kunstwerk ist eben, so wenig wie irgendwelches Kunstwerk, dazu da Weltanschauungen zu predigen oder zu best?tigen, pessimistische so wenig wie optimistische. "Aber der Dichter mu? doch irgend eine Weltanschauung haben, und die mu? in seinem Werke zu Tage treten. Und nur der wird das Kunstwerk recht verstehen, der sich auf den Boden dieser Weltanschauung stellt."--Ich frage: Warum dies alles? Mag der Dichter als Mensch, sozusagen f��r seinen Privatgebrauch eine Weltanschauung haben. Als Dichter bedarf er keiner solchen, es sei denn, da? es ihm darauf ankommt in seinen Gestalten einen Kampf der Weltanschauungen zur Darstellung zu bringen. Im ��brigen wird er sogar gut thun, seine Weltanschauung m?glichst f��r sich zu behalten. Was er in jedem Falle braucht, ist Kenntnis der Welt und des in ihr M?glichen; Verst?ndnis f��r das, was in der Welt ist und auf das menschliche Gem��t zu wirken vermag; Beherrschung der Sprache, in der die Erscheinungen in der Welt ihren Sinn und Inhalt zu offenbaren pflegen. Will man dies Weltanschauung nennen, so ist es doch nicht Weltanschauung in dem hier vorausgesetzten philosophischen Sinne des Wortes.
So haben denn auch gro?e Dichter keine oder eine sehr schwankende "Weltanschauung" gehabt, und hatten sie eine, so h��teten sie sich das Kunstwerk zur Darlegung und Anpreisung dieser Weltanschauung zu mi?brauchen.
Nur in einem Sinne, au?er dem eben zugestandenen, mu? der Dichter und jeder K��nstler als solcher Weltanschauung haben und geben, wenn n?mlich unter "Welt" die Welt des Kunstwerkes verstanden wird. Diese Welt ist seine Welt und diese Welt allerdings mu? ihm, indem er sie schafft, Gegenstand einer klaren, einheitlichen und von innerer Wahrheit erf��llten Anschauung sein. Eben diese "Weltanschauung" soll dann gewi? auch der Betrachter gewinnen.

DIE "POETISCHE GERECHTIGKEIT".
Ich sagte schon, da? das tragische Kunstwerk, wie keine pessimistische, so auch keine optimistische Weltanschauung predige. Es hat mit beiden gleich viel oder gleich wenig zu thun. Es giebt aber eine Theorie der Trag?die, die optimistisch genannt werden kann, auch wohl sich selbst so nennt und die das tragische Kunstwerk, wenngleich in anderer Weise, darum doch nicht minder verf?lscht als die besprochene pessimistische. Die gemeinte Theorie fordert, da? das ��bel, das dem Helden widerf?hrt, insbesondere sein schlie?licher Untergang, als "Strafe" des B?sen, als "S��hne" f��r eine "Verschuldung" erscheine. Sie kennt eine ��berall in der Trag?die waltende "poetische Gerechtigkeit". Da? es eine solche Gerechtigkeit in der Welt gebe, da? alle Schuld sich auf Erden r?che, dies soll der erhebende Gedanke sein, den das Trauerspiel vergegenw?rtige und in dessen Vergegenw?rtigung sein eigentlicher Sinn bestehe.
Wir fragen zun?chst: Besteht denn, wirklich jene Gerechtigkeit in der Welt, r?cht sich wirklich alle Schuld auf Erden? Soviel wir wissen, nicht. Schuldige und Unschuldige gehen unter: Unschuldige und Schuldige bleiben erhalten und freuen sich ihres Daseins. Die Besten empfinden mit tiefem, vielleicht vernichtendem Schmerze, was die B?sen, die Oberfl?chlichen, die sittlich Stumpfen gleichgiltig oder mit l?chelndem Achselzucken ansehen. Darnach ist es ein unwahrer Gedanke, den die Trag?die vergegenw?rtigt oder es ist unwahr, da? ihn die Trag?die vergegenw?rtigt.
Die Trag?die vergegenw?rtigt den Gedanken nicht. Die Trag?die vergegenw?rtigt ��berhaupt keine allgemeine Gedanken. Sie vergegenw?rtigt nur sich selbst. MACBETHs, RICHARDs III. Schuld r?cht sich; vielleicht, obgleich wir dies einstweilen bezweifeln, auch die der ANTIGONE, CORDELIA, OPHELIA. Aber diese Gestalten geh?ren, soviel ich sehe, nicht der "Erde" an, sondern der Trag?die; nicht auf Erden, sondern in der
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