Der Streit Über die Tragödie | Page 7

Theodor Lipps
der eben bezeichneten Weise kann die "Strafe" sittliche Bedeutung haben: Sie wendet sich nicht gegen das b?se Wollen in dem "Gestraften", sondern gegen das B?se oder Nichtseinsollende in der sonstigen Welt. Sie schreckt ab oder sie erm?glicht die Verwirklichung eines h?heren, ��ber die einzelne Pers?nlichkeit hinausgehenden sittlichen Zwecks.
Zun?chst nun verdient auch diese "Strafe" den Namen Strafe nicht mehr.--Sollte die Schuld- und Straftheorie dennoch diesen Strafbegriff im Auge haben? Wer sind dann die Abgeschreckten? Wir, die Zuschauer? Werden wir bei manchen tragischen Helden nicht vielmehr w��nschen, es ihnen an sittlicher St?rke und edler Leidenschaft gleichthun zu k?nnen? Oder wenn wir von dem abgeschreckt werden, was an ihrem Thun unvollkommen ist, werden wir dann nicht auch vor dem, was daran edel ist, zur��ckschrecken m��ssen, da doch ihr Thun als Ganzes die "Strafe" zur Folge hat?--Und welches sind die "h?heren sittlichen Zwecke", deren Verwirklichung durch die Bestrafung der Helden erm?glicht wird?
Vergessen wir aber bei solchen Fragen eines nicht. Von der erhebenden Wirkung der Trag?die ist hier die Rede. Soweit die Strafe als Mittel der Abschreckung oder der Verwirklichung h?herer sittlicher Zwecke an dieser Wirkung teil haben soll, mu? beides, die Abschreckung und die Verwirklichung h?herer Zwecke, in der Trag?die uns entgegentreten. Wo aber findet dergleichen statt? RICHARDs III. Fall f��hrt eine gl��cklichere Zeit herbei. Aber gerade diese Wendung der Dinge geh?rt nicht mehr zur Trag?die als solcher. Und wie steht es in der Hinsicht mit den oben erw?hnten Trag?dien?
So kann uns jener "h?here", weil "strengere" moralische Standpunkt von unserem Widerspruche gegen die Schuldtheorie oder die Theorie der poetischen Gerechtigkeit nicht bekehren.

DIE "SITTLICHE WELTORDNUNG".
Es giebt aber einen anderen, nicht nur strengeren, sondern umfassenderen oder weitsichtigeren und darum "h?heren" Standpunkt, der jene Theorie zu rechtfertigen scheinen k?nnte. Suchen wir uns auch diesen Standpunkt verst?ndlich zu machen.
Von Natur, so etwa k?nnte der Vertreter dieses Standpunktes sich vernehmen lassen, sind wir geneigt, unser sittliches Urteil zun?chst auf das Einzelne und das Individuum zu beziehen. Indem wir uns als Pers?nlichkeit f��hlen und uns das Recht unserer Pers?nlichkeit zuschreiben, k?nnen wir nicht umhin, auch anderen das Recht ihrer Pers?nlichkeit zuzuerkennen. Das Individuum, meinen wir, d��rfe sich als solches beth?tigen und sein Wollen, sofern es ein an sich gutes sei, behaupten, auch gegen die Schranken, die ihm die objektive Welt entgegenstellt, und in leidenschaftlichem Kampfe gegen dieselben. Nicht ihm, sondern der unvollkommenen Wirklichkeit falle die Schuld zu, wenn das Individuum mit seinem guten Wollen in diesem Kampfe untergehe.
Aber dieser Standpunkt, so meint man, bestehe nicht vor einer h?heren Einsicht. ��ber dem Einzelnen stehe das Allgemeine, ��ber dem Individuum der Zusammenhang der Welt, ��ber dem individuellen Wollen die objektive Ordnung der Dinge. Nicht im Individuum, sondern im Ganzen, der Welt und ihren Ordnungen verwirkliche sich der "Weltgeist", die "Idee", das "Absolute". Und nur die Idee oder das Absolute habe ein absolutes Recht. Wer sich in "einseitigem" Wollen, in einseitiger Betonung seiner Pers?nlichkeit gegen die Ordnung der Dinge auflehne, lehne sich gegen die Idee auf und verfalle in Schuld. Und diese Schuld m��sse sich r?chen. Die Idee negire, die Wirklichkeit verschlinge den Schuldigen, und von Rechtswegen. Wir m?gen seine Vernichtung menschlich beklagen, aber mit der Klage verbinde sich das erhabene und erhebende Bewu?tsein von der siegenden Allgewalt der Idee. In diesem Bewu?tsein, dem ehrfurchtsvollen Schauer vor der Idee, bestehe der Genu? der Trag?die.
Viel Wahres ohne Zweifel liegt in solchen Worten oder kann in ihnen liegen. Viel Unwahrheit aber, viel Mi?verst?ndnis kann sich dahinter verbergen. Und mit je gr??erem Pathos die Worte auftreten, um so gr??er ist die Gefahr des Mi?verstandes.--Andererseits fragt es sich, wie viel von der Wahrheit, die in ihnen liegt, auf die Trag?die Anwendung findet.
Was meint man denn mit jener "objektiven Ordnung" der Dinge, deren Verletzung S��nde sei? Ist es die Ordnung der Dinge, so wie sie ist, der thats?chliche Bestand der Welt? Diese Ordnung der Dinge bek?mpft und verletzt jedes menschliche Wollen und Handeln, nicht nur das des tragischen Helden. Jedes Wollen geht auf Ver?nderung des Weltbestandes. Was wirklich ist, das brauchen wir nicht erst zu wollen und wollend herbeizuf��hren. Die Gesetze der Wirklichkeit freilich, die hebt unser Wollen nicht auf; die aber tastet auch das Wollen des tragischen Helden nicht an.--W?re die objektive Ordnung so gemeint, und die Verletzung dieser objektiven Ordnung S��nde, so w?re jedes Wollen s��ndhaft und strafw��rdig. Das Dasein des Individuums w?re das Nichtseinsollende. Die "absolute" Moral schl��ge in die Moral der Selbstvernichtung um.
Indessen dies ist nicht die Meinung der Theorie, oder braucht sie nicht zu sein. Nicht jedes Wollen soll sich vers��ndigen, wohl aber dasjenige, das seine "nat��rlichen und sittlichen Schranken" ��berschreitet. Aber was hei?t dies? Ich kann zun?chst die "nat��rlichen" Schranken meines Wollens in verschiedenem Sinne ��berschreiten. Ich will oder unterfange mich zu thun, was ich nicht hinausf��hren kann. Wenn ich aber im Voraus nicht wei?, oder nicht wissen kann, welche Umst?nde mein Wollen durchkreuzen werden, wenn der Zufall meine Absichten scheitern l??t?--Dann
Continue reading on your phone by scaning this QR Code

 / 28
Tip: The current page has been bookmarked automatically. If you wish to continue reading later, just open the Dertz Homepage, and click on the 'continue reading' link at the bottom of the page.