Aus meinem Leben - Zweiter Teil | Page 2

August Bebel
"Der tote Schulze gegen den lebenden
Lassalle", Arbeiten, die noch heute ihren vollen Wert haben. Auch als
Parlamentarier erwies er sich als sehr geschickt und gewandt. Er erfaßte
rasch eine gegebene Situation und verstand sie auszunutzen. Endlich
war er auch ein guter Redner von großer Berechnung, der Eindruck auf

die Massen und die Gegner machte.
Aber neben diesen guten, zum Teil glänzenden Eigenschaften besaß
Schweitzer eine Reihe Untugenden, die ihn als Führer einer
Arbeiterpartei, die in den ersten Anfängen ihrer Entwicklung begriffen
war, dieser gefährlich machten. Für ihn war die Bewegung, der er sich
nach mancherlei Irrfahrten anschloß, nicht Selbstzweck, sondern Mittel
zum Zweck. Er trat in die Bewegung ein, sobald er sah, daß ihm
innerhalb des Bürgertums keine Zukunft blühte, daß für ihn, den durch
seine Lebensweise früh Deklassierten, nur die Hoffnung bestand, in der
Arbeiterbewegung die Rolle zu spielen, zu der sein Ehrgeiz wie seine
Fähigkeiten ihn sozusagen prädestinierten. Er wollte auch nicht bloß
der Führer der Bewegung, sondern ihr Beherrscher sein, und trachtete
sie für seine egoistischen Zwecke auszunutzen. Während einer Reihe
von Jahren in einem von Jesuiten geleiteten Institut in Aschaffenburg
erzogen, später sich dem Studium der Jurisprudenz widmend, gewann
er in der jesuitischen Kasuistik und juristischen Rabulistik das geistige
Rüstzeug, das ihn, der von Natur schon listig und verschlagen war, zu
einem Politiker machte, der skrupellos seinen Zweck zu erreichen
suchte, Befriedigung seines Ehrgeizes um jeden Preis und Befriedigung
seiner großen, lebemännischen Bedürfnisse, was ohne auskömmliche
materielle Mittel, die er nicht besaß, nicht möglich war. Es ist aber eine
alte geschichtliche Erfahrung, die in allen Volksbewegungen sich
bestätigt hat, daß führende Persönlichkeiten, die sybaritische
Gewohnheiten haben, aber wegen Mangel an Mitteln sie nicht zu
befriedigen vermögen, leicht an sie herantretenden Versuchungen
unterliegen, namentlich wenn sie dabei auch glauben, außer der
Befriedigung ihres Ehrgeizes Scheinerfolge erringen zu können.
Die diktatorische Stellung, welche die Organisation des Allgemeinen
Deutschen Arbeitervereins dem Leiter des Vereins einräumte,
begünstigte die Schweitzerschen Bestrebungen ungemein. Es war aber
auch ebenso natürlich, daß gegen die Gelüste des Diktators ein
ständiger Kampf der selbständiger denkenden Mitglieder im Verein
entstand. Die Opposition, zeitweilig durch seine brutale
Rücksichtslosigkeit scheinbar niedergeworfen und aus dem Verein
hinausgedrängt, erhob sich in Kürze in anderen Personen und an

anderen Orten wieder, und es begann der Kampf von neuem gegen ihn.
Seine Herrschaftsbestrebungen wurden noch dadurch ungemein
begünstigt, daß das einzige Blatt, das der Verein besaß--und ein zweites
neben diesem duldete er nicht--, "Der Sozialdemokrat", in seinen
Händen war und von ihm geleitet wurde. Damit hatte er das Mittel in
der Hand und wandte es ohne Skrupel an, die geistige Beherrschung
der Mitglieder zu einer absoluten zu machen, wobei er jeden
Widerspruch und jede ihm unbequeme Meinungsäußerung gewaltsam
niederhielt. Die Art, wie dabei wieder Schweitzer den Massen zu
schmeicheln verstand, obgleich er innerlich sie verachtete, ist mir nie
mehr in ähnlichem Maße begegnet. Sich selbst stellte er als ihr
Werkzeug hin, das nur dem Willen des "souveränen Volkes" gehorche,
dieses souveränen Volkes, das nur seine Zeitung las und dem er seinen
Willen suggerierte. Wer aber wieder ihn zu lecken wagte, der wurde
der niedersten Motive geziehen, als eine Viertels- oder
Achtelsintelligenz gebrandmarkt, die sich über die braven, ehrlichen
Arbeiter erheben wolle, um sie im Interesse ihrer Gegner zu
mißbrauchen.
Eine Rolle, wie Schweitzer sie allmählich spielte, war allerdings nur in
den Jugendjahren der Bewegung möglich, und darin liegt die
Entschuldigung für seine fanatisierten Anhänger. Wer heute die Rolle
eines Schweitzer in der Bewegung spielen wollte, wäre in kurzer Zeit
unmöglich, sei er wer er wolle.
Schweitzer war ein Demagog großen Stils, der an der Spitze eines
Staates sich als ein würdiger Schüler Machiavellis--für dessen
grundsatzlose Theorien er schwärmte--erwiesen haben würde. Die
absolute Herrschaft, die er durch die erwähnten Mittel sich auf Jahre in
seinem Verein zu sichern wußte, läßt sich nur vergleichen mit gewissen
Erscheinungen in der katholischen Kirche. Er hatte eben nicht umsonst
bei den Jesuiten Unterricht genommen.
Wessen wir--Liebknecht und ich--Schweitzer beschuldigten, war, daß
er den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein--natürlich wider Wissen
und Wollen des weitaus größten Teiles seiner Mitglieder--im Interesse
der Bismarckschen Politik leite, die wir nicht als eine deutsche,

sondern als eine großpreußische Politik betrachteten, eine Politik,
betrieben im Interesse der Hohenzollernschen Hausmacht, die bestrebt
war, die Herrschaft über ganz Deutschland zu gewinnen und
Deutschland mit preußischem Geist und preußischen
Regierungsgrundsätzen--die der Todfeind aller Demokratie sind--zu
erfüllen.
Wie damals die Dinge im allgemeinen lagen und bei dem schweren
Kampfe, in dem sich Bismarck mit der liberalen Bourgeoisie befand,
benutzte er jedes Mittel, auch das unscheinbarste, das seinen Zwecken
dienen konnte. Ich habe bereits im ersten Teil dieser Arbeit dargelegt,
wie Bismarck noch vor dem Auftreten Lassalles in dem Lackierer
Eichler einen gewandten Agenten besaß, der für seine Politik in den
Arbeiterkreisen Propaganda machte. Lassalle, der nicht als Dienender,
sondern als Gleichberechtigter, als Macht zu Macht mit Bismarck in
Unterhandlungen sich einließ, unterstützte
Continue reading on your phone by scaning this QR Code

 / 165
Tip: The current page has been bookmarked automatically. If you wish to continue reading later, just open the Dertz Homepage, and click on the 'continue reading' link at the bottom of the page.