Der Mann im Nebel - Roman | Page 3

Gustav Falke
den hohen Buchen, die er freilich nirgends so prächtig
gefunden hatte wie hier, ausgenommen natürlich in Dänemark, seinem
geliebten Dänemark. Aber das niedere Dickicht hatte es ihm angetan.
So ganz eingeschlossen in der grünen Wildnis, die ihn in Kopfhöhe
überdachte, in unmittelbarer Berührung mit diesem Gewirr von
Zweigen und Blattwerk, so ganz in dieser grünen Enge eingeschlossen
war es ihm erst wohl.
Einmal in diesen acht Tagen hatte ihn seine Sehnsucht an die Ostsee
geführt, die ein paar Stunden von hier ihre schläfrigen Wellen auf den
Sand des flachen, langweiligen Strandes warf.
Da hatte er ein Bad genommen und hatte dann fast zwei Stunden lang
auf dem Rücken im warmen Sand gelegen, die kühle Seeluft geatmet,
Verse gemacht und an ein kleines Mädchen in rotem Wollkleid gedacht.
Gedanken, die nicht tief herkamen, die aber hartnäckig waren.
Es war eigentlich nur das rote Wollkleid gewesen, das ihn beschäftigt
hatte. Diese grelle, rote Farbe, die wie ein Fleck auf allem lag, wohin er

sah, auf dem Wasser, auf dem gelben Sand, und in der hellen zitternden
Luft tanzte.
Ja, ja, das kam noch auf das bewusste Konto. Hallucinationen. Er hatte
auch gar zu wüst gelebt, den ganzen Winter. Aber er sollte ja auch nur
darüber hinweg kommen. So ein Abschied für immer ist keine
Kleinigkeit. Und es hatte doch tiefer bei ihm gesessen. Schliesslich
geht's auf die Nerven. Erst dies Verhältnis, dann der Alkohol,
Kopfschmerz, Schlaflosigkeit, Gespenster. Es war nicht mehr zum
aushalten gewesen. Er hatte zuletzt mit dem Arzt sprechen müssen. Der
untersuchte ihn gründlich; kerngesund. Aber hier oben, mein Lieber,
diese Knoten auf dem Kopf da. Sehen sie sich vor. Etwas weniger
Spirituosen. Es ist weiter nichts als das. Gehen Sie ein paar Wochen an
die See. Immer draussen. Oder machen Sie eine Fusstour. Aber wie
gesagt: höchstens zwei Glas!
Das war's, was ihn seinen Koffer hatte packen lassen. Der Arzt hatte
recht, es ging wirklich nicht so weiter, wollte er noch ein paar Jahre
leben. Und das wollte er. Sein Leben lag doch noch vor ihm, das Leben,
das seiner Natur gemäss wäre. Und das war ja sein einziges Streben,
sich mal ausleben zu können, ein paar Jahre nur, ganz souverän,
keinem willig und gehorsam als nur den Geboten seiner Natur. Und
dazu bedurfte er der Gesundheit. Es käme ja sonst nicht darauf an, ein
paar Jahre früher oder später abzutreten. Aber nur jetzt noch nicht, jetzt,
wo er endlich die Mittel hatte, sich sein Leben nach seinen Wünschen
einzurichten. Zehn Jahre würde sein kleines Kapital ausreichen, zehn
Jahre ungebundenen Sichauslebens. Die wollte er geniessen. Und dann?
Er war nicht der Mann sich mit dem zu beschäftigen, was nach zehn
Jahren sein könnte.

4.
Randers sass in halbliegender Stellung auf der Bank unter den alten
Buchen, die dem Schulhause gegenüber ihre hohen teilweise
abgestorbenen Kronen allen Winden aussetzten. Diese Buchen, einen
geräumigen Rundplatz einfassend, bildeten gleichsam das Portal zu
dem Unterholz, das sich an dem ausgefahrenen Landweg hinzog und
sich in einer Tiefe von einer Viertelstunde Wegs vor dem hügeligen
Hochwald lagerte.
Die Moosdecke dieses Platzes war schadhaft und zeigte Spuren von

Kinderspielen. Um die Bank herum war jede Vegetation von den
Füssen niedergetreten. Das nackte Erdreich bildete eine harte Tenne.
Da lagen Papierfetzen und allerlei Abfall umher, der anzeigte, dass die
weiblichen Mitglieder der Lehrerfamilie hier oft ihren Aufenthalt
nahmen und einen Teil der häuslichen Tätigkeit hierherverlegten.
Randers ärgerte sich über diese Verunzierung des hübschen
Waldplatzes, diese "Besudelung der Natur" mit menschlichem
Krimskram. Einen grellbunten Fetzen eines schottischen Kleiderstoffes,
der ihn besonders erboste, hatte er wütend mit der Spitze seines
Spazierstockes hinter sich geschleudert. Er wehte lustig, ein bunter
Wimpel, in den Zweigen eines jungen weissstämmigen
Birkenbäumchens. Randers hätte das Fähnlein gerne da heruntergeholt,
aber es war ihm zu mühsam, darum aufzustehen.
Er hatte gelesen, oder vielmehr zu lesen versucht: Storms
"Waldwinkel". Aber die unruhigen Schatten des leicht bewegten
Laubes, die auf den Blättern des Buches einen Zittertanz aufführten und
die Buchstaben mit hineinrissen, und das leise Laubgelispel um ihn her
störten ihn. Auch das Schwärmen der Bienen belästigte ihn. Es war ein
ununterbrochenes Summen um ihn. Aus den Stöcken des Lehrers
kamen sie, über die Blumen des Gartens und die Honigträger am
Grabenrand der Landstrasse her, nach dem breiten Waldsteig, wo
Bienensaug, Brombeerblüte und hundert andere süsse Schüsseln
lockten.
Und dann war noch ein andres, was ihn ablenkte. Seine Gedanken
kehrten immer wieder zu Gerd Gerdsens Brief zurück, den er heute
morgen beantwortet hatte.
Ja das könnte etwas werden! Das würde ihm Spass machen. Spass?
Nein, durchaus ernst wollte er es nehmen. Was gab es da nicht alles zu
berichten und zu--beichten. Er geriet in ein Grübeln über sich und sein
Schicksal, und ging hier einen Weg zurück und da einen anderen, um
auf die Anfänge dieser und jener Richtung in seinem Charakter zu
stossen. Und die Wege
Continue reading on your phone by scaning this QR Code

 / 53
Tip: The current page has been bookmarked automatically. If you wish to continue reading later, just open the Dertz Homepage, and click on the 'continue reading' link at the bottom of the page.