Der Freigeist | Page 2

Gotthold Ephraim Lessing
Empfindungen folgen d��rfte, um es zu sein; Sie, mit einer solchen Anlage zu allem, was edel und gro? ist, Sie entehren sich vors?tzlich. Sie st��rzen sich mit Bedacht aus Ihrer H?he herab, bei dem P?bel der Geister einen Ruhm zu erlangen, f��r den ich lieber aller Welt Schande w?hlen wollte.
Adrast. Sie vergessen sich, Theophan, und wenn ich Sie nicht unterbreche, so glauben Sie endlich gar, da? Sie sich an dem Platze befinden, auf welchem Ihresgleichen ganze Stunden ungest?rt schwatzen d��rfen.
Theophan. Nein, Adrast, Sie unterbrechen keinen ��berl?stigen Prediger; besinnen Sie sich nur: Sie unterbrechen blo? einen Freund,--wider Ihren Willen nenne ich mich so,--der eine Probe seiner Freim��tigkeit ablegen sollte.
Adrast. Und eine Probe seiner Schmeichelei abgeleget hat;--aber einer verdeckten Schmeichelei, einer Schmeichelei, die eine gewisse Bitterkeit annimmt, um destoweniger Schmeichelei zu scheinen.--Sie werden machen, da? ich Sie endlich auch verachte.--Wenn Sie die Freim��tigkeit kennten, so w��rden Sie mir alles unter die Augen gesagt haben, was Sie in Ihrem Herzen von mir denken. Ihr Mund w��rde mir keine gute Seite geliehen haben, die mir Ihre innere ��berzeugung nicht zugestehet. Sie w��rden mich geradeweg einen Ruchlosen gescholten haben, der sich der Religion nur deswegen zu entziehen suche, damit er seinen L��sten desto sicherer nachh?ngen k?nne. Um sich pathetischer auszudr��cken, w��rden Sie mich einen H?llenbrand, einen eingefleischten Teufel genannt haben. Sie w��rden keine Verw��nschungen gespart, kurz, Sie w��rden sich so erwiesen haben, wie sich ein Theolog gegen die Ver?chter seines Aberglaubens, und also auch seines Ansehens, erweisen mu?.
Theophan. Ich erstaune. Was f��r Begriffe!
Adrast. Begriffe, die ich von tausend Beispielen abgesondert habe.-- Doch wir kommen zu weit. Ich wei?, was ich wei?, und habe l?ngst gelernt, die Larve von dem Gesichte zu unterscheiden. Es ist eine Karnevalserfahrung: je sch?ner die erste, desto h??licher das andere.
Theophan. Sie wollen damit sagen--
Adrast. Ich will nichts damit sagen, als da? ich noch zu wenig Grund habe, die Allgemeinheit meines Urteils von den Gliedern Ihres Standes, um Ihretwillen einzuschr?nken. Ich habe mich nach den Ausnahmen zu lange vergebens umgesehen, als da? ich hoffen k?nnte, die erste an Ihnen zu finden. Ich m��?te Sie l?nger, ich m��?te Sie unter verschiedenen Umst?nden gekannt haben, wenn--
Theophan. Wenn Sie meinem Gesichte die Gerechtigkeit widerfahren lassen sollten, es f��r keine Larve zu halten. Wohl! Aber wie k?nnen Sie k��rzer dazu gelangen, als wenn Sie mich Ihres n?hern Umganges w��rdigen? Machen Sie mich zu Ihrem Freunde, stellen Sie mich auf die Probe--
Adrast. Sachte! die Probe k?me zu sp?t, wenn ich Sie bereits zu meinem Freunde angenommen h?tte. Ich habe geglaubt, sie m��sse vorhergehen.
Theophan. Es gibt Grade in der Freundschaft, Adrast; und ich verlange den vertrautesten noch nicht.
Adrast. Kurz, auch zu dem niedrigsten k?nnen Sie nicht f?hig sein.
Theophan. Ich kann nicht dazu f?hig sein? Wo liegt die Unm?glichkeit?
Adrast. Kennen Sie, Theophan, wohl ein Buch, welches das Buch aller B��cher sein soll; welches alle unsere Pflichten enthalten, welches uns zu allen Tugenden die sichersten Vorschriften erteilen soll, und welches der Freundschaft gleichwohl mit keinem Worte gedenkt? Kennen Sie dieses Buch?
Theophan. Ich sehe Sie kommen, Adrast. Welchem Collin haben Sie diesen armseligen Einwurf abgeborgt?
Adrast. Abgeborgt, oder selbst erfunden: es ist gleich viel. Es mu? ein kleiner Geist sein, der sich Wahrheiten zu borgen sch?mt.
Theophan. Wahrheiten!--Sind Ihre ��brigen Wahrheiten von gleicher G��te? K?nnen Sie mich einen Augenblick anh?ren?
Adrast. Wieder predigen?
Theophan. Zwingen Sie mich nicht darzu? Oder wollen Sie, da? man Ihre seichten Sp?ttereien unbeantwortet lassen soll, damit es scheine, als k?nne man nicht darauf antworten?
Adrast. Und was k?nnen Sie denn darauf antworten?
Theophan. Dieses. Sagen Sie mir, ist die Liebe unter der Freundschaft, oder die Freundschaft unter der Liebe begriffen? Notwendig das letztere. Derjenige also, der die Liebe in ihrem allerweitesten Umfange gebietet, gebietet der nicht auch die Freundschaft? Ich sollte es glauben; und es ist so wenig wahr, da? unser Gesetzgeber die Freundschaft seines Gebotes nicht w��rdig gesch?tzt habe, da? er vielmehr seine Lehre zu einer Freundschaft gegen die ganze Welt gemacht hat.
Adrast. Sie b��rden ihm Ungereimtheiten auf. Freundschaft gegen die ganze Welt? Was ist das? Mein Freund mu? kein Freund der ganzen Welt sein.
Theophan. Und also ist Ihnen wohl nichts Freundschaft als jene ��bereinstimmung der Temperamente, jene angeborne Harmonie der Gem��ter, jener heimliche Zug gegeneinander, jene unsichtbare Kette, die zwei einerlei denkende, einerlei wollende Seelen verkn��pfet?
Adrast. Ja, nur dieses ist mir Freundschaft.
Theophan. Nur dieses? Sie widersprechen sich also selbst.
Adrast. Oh! da? ihr Leute doch ��berall Widerspr��che findet, au?er nur da nicht, wo sie wirklich sind!
Theophan. ��berlegen Sie es. Wenn diese, ohne Zweifel nicht willk��rliche, ��bereinstimmung der Seelen, diese in uns liegende Harmonie mit einem andern einzelnen Wesen allein die wahre Freundschaft ausmacht: wie k?nnen Sie verlangen, da? sie der Gegenstand eines Gesetzes sein soll? Wo sie ist, darf sie nicht geboten werden; und wo sie nicht ist, da wird sie umsonst geboten. Und wie k?nnen Sie es unserm Lehrer zur Last legen, da? er die Freundschaft in diesem Verstande ��bergangen
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