Über Psychoanalyse | Page 6

Sigmund Freud
jenen pathogenen Szenen und von deren Zusammenhang mit ihren Symptomen; sie hatte diese Szenen vergessen oder jedenfalls den pathogenen Zusammenhang zerrissen. Wenn man sie in die Hypnose versetzte, gelang es nach Aufwendung betr?chtlicher Arbeit, ihr diese Szenen ins Ged?chtnis zur��ckzurufen, und durch diese Arbeit des Wiedererinnerns wurden die Symptome aufgehoben. Man w?re in gro?er Verlegenheit, wie man diese Tatsache deuten sollte, wenn nicht die Erfahrungen und Experimente des Hypnotismus den Weg dazu gewiesen h?tten. Durch das Studium der hypnotischen Ph?nomene hat man sich an die anfangs befremdliche Auffassung gew?hnt, da? in einem und demselben Individuum mehrere seelische Gruppierungen m?glich sind, die ziemlich unabh?ngig von einander bleiben k?nnen, von einander ?nichts wissen?, und die das Bewu?tsein alternierend an sich rei?en. F?lle solcher Art, die man als ?Double conscience? bezeichnet, kommen gelegentlich auch spontan zur Beobachtung. Wenn bei solcher Spaltung der Pers?nlichkeit das Bewu?tsein konstant an den einen der beiden Zust?nde gebunden bleibt, so hei?t man diesen den bewu?ten Seelenzustand, den von ihm abgetrennten den unbewu?ten. In den bekannten Ph?nomenen der sogenannten posthypnotischen Suggestion, wobei ein in der Hypnose gegebener Auftrag sich sp?ter im Normalzustand gebieterisch durchsetzt, hat man ein vorz��gliches Vorbild f��r die Beeinflussungen, die der bewu?te Zustand durch den f��r ihn unbewu?ten erfahren kann, und nach diesem Muster gelingt es allerdings, sich die Erfahrungen bei der Hysterie zurechtzulegen. Breuer entschlo? sich zur Annahme, da? die hysterischen Symptome in solchen besonderen seelischen Zust?nden, die er hypnoide nannte, entstanden seien. Erregungen, die in solche hypnoide Zust?nde hineingeraten, werden leicht pathogen, weil diese Zust?nde nicht die Bedingungen f��r einen normalen Ablauf der Erregungsvorg?nge bieten. Es entsteht also aus dem Erregungsvorgang ein ungew?hnliches Produkt, eben das Symptom, und dieses ragt wie ein Fremdk?rper in den Normalzustand hinein, dem daf��r die Kenntnis der hypnoiden pathogenen Situation abgeht. Wo ein Symptom besteht, da findet sich auch eine Amnesie, eine Erinnerungsl��cke, und die Ausf��llung dieser L��cke schlie?t die Aufhebung der Entstehungsbedingungen des Symptoms in sich ein.
Ich f��rchte, da? Ihnen dieses St��ck meiner Darstellung nicht sehr durchsichtig erschienen ist. Aber haben Sie Nachsicht, es handelt sich um neue und schwierige Anschauungen, die vielleicht nicht viel klarer gemacht werden k?nnen; ein Beweis daf��r, da? wir mit unserer Erkenntnis noch nicht sehr weit vorgedrungen sind. Die Breuersche Aufstellung der hypnoiden Zust?nde hat sich ��brigens als hemmend und ��berfl��ssig erwiesen und ist von der heutigen Psychoanalyse fallen gelassen worden. Sie werden sp?ter wenigstens andeutungsweise h?ren, welche Einfl��sse und Vorg?nge hinter der von Breuer aufgestellten Schranke der hypnoiden Zust?nde zu entdecken waren. Sie werden auch mit Recht den Eindruck empfangen haben, da? die Breuersche Forschung Ihnen nur eine sehr unvollst?ndige Theorie und unbefriedigende Aufkl?rung der beobachteten Erscheinungen geben konnte, aber vollkommene Theorien fallen nicht vom Himmel, und Sie werden mit noch gr??erem Recht mi?trauisch sein, wenn Ihnen jemand eine l��ckenlose und abgerundete Theorie bereits zu Anfang seiner Beobachtungen anbietet. Eine solche wird gewi? nur das Kind seiner Spekulation sein k?nnen und nicht die Frucht voraussetzungsloser Erforschung des Tats?chlichen.

II.
Meine Damen und Herren! Etwa gleichzeitig, w?hrend Breuer mit seiner Patientin die Talking cure ��bte, hatte Meister Charcot in Paris jene Untersuchungen ��ber die Hysterischen der Salp��tri��re begonnen, von denen ein neues Verst?ndnis der Krankheit ausgehen sollte. Diese Resultate konnten damals in Wien noch nicht bekannt sein. Als aber etwa ein Dezennium sp?ter Breuer und ich die vorl?ufige Mitteilung ��ber den psychischen Mechanismus hysterischer Ph?nomene ver?ffentlichten, welche an die kathartische Behandlung bei Breuers erster Patientin ankn��pfte, da befanden wir uns ganz im Banne der Charcotschen Forschungen. Wir stellten die pathogenen Erlebnisse unserer Kranken als psychische Traumen jenen k?rperlichen Traumen gleich, deren Einflu? auf hysterische L?hmungen Charcot festgestellt hatte, und Breuers Aufstellung der hypnoiden Zust?nde ist selbst nichts anderes als ein Reflex der Tatsache, da? Charcot jene traumatischen L?hmungen in der Hypnose k��nstlich reproduziert hatte.
Der gro?e franz?sische Beobachter, dessen Sch��ler ich 1885/86 wurde, war selbst psychologischen Auffassungen nicht geneigt; erst sein Sch��ler P. Janet versuchte ein tieferes Eindringen in die besonderen psychischen Vorg?nge bei der Hysterie, und wir folgten seinem Beispiele, als wir die seelische Spaltung und den Zerfall der Pers?nlichkeit in das Zentrum unserer Auffassung r��ckten. Sie finden bei Janet eine Theorie der Hysterie, welche den in Frankreich herrschenden Lehren ��ber die Rolle der Erblichkeit und der Degeneration Rechnung tr?gt. Die Hysterie ist nach ihm eine Form der degenerativen Ver?nderung des Nervensystems, welche sich durch eine angeborene Schw?che der psychischen Synthese kundgibt. Die hysterisch Kranken seien von Anfang an unf?hig, die Mannigfaltigkeit der seelischen Vorg?nge zu einer Einheit zusammenzuhalten, und daher komme die Neigung zur seelischen Dissoziation. Wenn Sie mir ein banales aber deutliches Gleichnis gestatten, Janets Hysterische erinnert an eine schwache Frau, die ausgegangen ist, um Eink?ufe zu machen, und nun mit einer Menge von Schachteln und Paketen beladen zur��ckkommt. Sie kann den ganzen Haufen mit ihren zwei Armen und zehn Fingern nicht bew?ltigen, und so entf?llt ihr zuerst ein St��ck. B��ckt sie sich,
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